Bis 2050 will die EU klimaneutral werden. Vor allem Polen, wo dieses Foto aufgenommen wurde, stellt sich quer.

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Im Jahr 2015 war noch alles anders. John Kerrys Enkelin war gerade einmal zwei Jahre alt, als ihr Großvater – damals US-Außenminister – mit dem Mädchen auf dem Schoß das Pariser Klimaabkommen unterzeichnete. Die Erwartungen in den Pakt waren hoch. Politiker nannten das Papier damals "historisch" und den bisher "ehrgeizigsten Deal".

Seither ist viel passiert, könnte man meinen: Die USA haben das Klimaabkommen unter Donald Trump aufgekündigt. Kerry, dessen Enkelin sich mittlerweile im Volksschulalter befindet, ist längst nicht mehr Außenminister. Er wird aber unter dem neuen Präsidenten Joe Biden ab Jänner Klimaschutzbeauftragter der Vereinigten Staaten.

Tatsächlich ist seit dem 12. Dezember 2015, als seinerzeit 195 Staaten das Abkommen unterzeichneten, kaum etwas weitergegangen. Zwar haben sich einige Staaten zur Klimaneutralität bekannt, der globale Treibhausgasausstoß aber steigt und steigt (siehe Grafik).

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Was wurde also aus dem historischen Deal? Vereinbart wurde, dass die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Werten begrenzt werden soll, möglichst aber auf 1,5 Grad. Die Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich, durch nationale Klimaziele ihren Beitrag zu leisten. Das Problem daran: Zwar stieß das Abkommen auf breite Zustimmung, die von den Ländern vereinbarten Reduktionsziele stimmten aber nicht mit dem Gesamtziel überein.

"Mini-Gipfel" am Samstag

Seither wird jedes Jahr auf Klimagipfeln weiterverhandelt. Die heurige UN-Klimakonferenz wurde Corona-bedingt auf November 2021 verschoben. Am Samstag findet nur ein digitaler "Minigipfel" statt. Die Staaten müssen noch deutlich nachbessern, mit den bisherigen Zusagen, so denn diese eingehalten würden, erreiche man "bestenfalls" ein Drei-Grad-Ziel, erklärt der Klimaökonom Karl Steininger.

Seit der Unterzeichnung gab es dennoch Fortschritte, meint der Wissenschafter der Universität Graz: "Seit Paris ist auch Unternehmen klar, dass sich da etwas bewegt." Viele Konzerne hätten daraufhin erstmals ernsthaft begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und entsprechende Maßnahmen zu setzen. Darüber hinaus zeigten auch Gemeinden und Regionen, was im Klimaschutz alles möglich ist.

Positiv seien auf jeden Fall auch die vielen Zugeständnisse zur Klimaneutralität: Österreich will 2040 die Netto-Null erreichen; die EU, Russland und die USA im Jahr 2050 und China bis spätestens 2060, um nur einige Beispiele zu nennen. "Die Ziele gibt es schon, die Maßnahmen nicht", fasst Steininger zusammen. Es liege an der Politik, den Versprechen auch Taten folgen zu lassen. "Es geht um das Wirklich-Wollen."

2020 hinterlässt "Wimpernschlag"

Kann die Corona-Pandemie eine Hilfe sein? Ja und nein. Der gesunkene Treibhausgasausstoß – die UN-Umweltorganisation UNEP rechnet 2020 mit einem Rückgang um sieben Prozent – wird nicht zur Trendwende führen. "Erzwungene wirtschaftliche Schocks wirken nur vorübergehend", erklärt Gottfried Kirchengast, Leiter des Wegener-Centers für Klimafolgenforschung. "Corona hinterlässt nur einen kleinen Wimpernschlag." Das hätten bereits frühere Wirtschaftskrisen gezeigt.

Denn trotz sinkender Emissionen steigt die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Der niedrigere Ausstoß bedeutet nur, dass weniger emittiert wird – die Treibhausgasansammlung aber wächst.

Nun zum Positiven: Wissenschafter sind sich weitgehend einig, dass die Covid-Krise durchaus positive Folgen haben könnte – zumindest für das Klima. Weltweit werden derzeit gigantische Konjunkturpakete geschnürt, die zu einer Wende in der Energie- und Klimapolitik führen könnten. Die UNEP schätzt, dass das Zwei-Grad-Ziel doch noch erreicht werden kann, wenn jene Turbos in Nullemissionstechnologien fließen und fossile Förderungen ein für alle Mal beendet werden.

"Der Abstand zwischen dem, was wir tun müssen, und dem, was tatsächlich getan wird, wächst jede Minute", meint Greta Thunberg.
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Doch die Zeit drängt, warnt Greta Thunberg, das wohl bekannteste Gesicht der globalen Klimaschutzbewegung: "Der Abstand zwischen dem, was wir tun müssen, und dem, was tatsächlich getan wird, wächst jede Minute", sagte die Schwedin diese Woche in einer Videobotschaft. Die fünf vergangenen Jahre seien die wärmsten der Messgeschichte gewesen, und "die notwendigen Handlungen sind noch immer nirgends in Sicht".

Und was, wenn weiter nichts passiert? Die Antwort darauf geben längst nicht mehr nur Wissenschafter, sondern auch die Umwelt: Heuer zeigte sich wieder einmal, welche Auswirkungen die Klimakrise hat: Der Amazonas brannte, ebenso Teile Australiens und Kaliforniens. Indonesien wurde überschwemmt, und in Teilen Europas war es unerträglich heiß. Dabei beträgt die Erwärmung bisher "nur" 1,2 Grad. Da kommt noch mehr. (Nora Laufer, 12.12.2020)