In Großbritannien gibt es ein besonders gutes Infektionsüberwachungssystem. Deshalb wurde die Mutation durch Gen-Sequenzierung dort auch erstmals entdeckt – auch in Südafrika ist die Surveillance sehr gut. Dort konnte eine weitere Mutation N501JV2 identifiziert werden.

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Corona-Viren sind wandelbar. B.1.1.7 ist die Abkürzung für eine Mutation von Sars-CoV-2, die derzeit das britische Gesundheitssystem an die Grenzen seiner Belastbarkeit bringt. Die Mutation des Virus erhöht die Infektiosität um 56 Prozent. Mehr Infizierte bedeutet, dass mehr Menschen in die Krankenhäuser müssen und prozentuell zu Intensivpatienten werden. Das beeinflusst die Mortalität. Deshalb wurde in Großbritannien ein neuer Lockdown verhängt. In Österreich wurden bisher fünf Infizierte mit der neuen Mutation entdeckt, so die Ages, die Dunkelziffer wird höher liegen.

Wie Mutationen entstehen? Wenn das Virus menschliche Zellen befällt und sich vermehrt, entstehen immer wieder Veränderungen. "Wir verzeichneten von Beginn an ein bis zwei Mutationen pro Monat", sagt Richard Nehrer, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel. Das Besondere an der Mutation B.1.1.7 ist eine Häufung von insgesamt zehn bis 15 Veränderungen gleichzeitig, die sich im Süden Englands durchgesetzt zu haben scheinen. Ähnlich verhält es sich mit einer zweiten Virusmutation, N501.V2, die in Südafrika zirkuliert. Es sind Varianten des Virus, die Infizierte nicht schwerer krank machen, aber die Anzahl der Erkrankten erhöhen. "Deshalb sind wir besorgt", sagt Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe Emerging Viruses an der Universität Genf.

Sind neue Maßnahmen notwendig? "Mehr medizinisch-diagnostische Surveillance", sagt Andreas Bergthaler, Leiter der Forschungsgruppe Virale Pathogenese am CeMM in Wien, und meint verstärkte Gensequenzierung von Virenproben, "denn es wird auch in den nächsten Monaten immer neue Mutationen geben". In England und Südafrika gäbe es exzellente Surveillance, deshalb seien die Mutationen dort zuerst entdeckt worden. Die aktuellen Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung sind ausreichend – würden sie eingehalten. Das sei aber nicht der Fall, zeigten die Handy-Bewegungsdaten, so die Experten. "Die größte Herausforderung ist, die Leute zu motivieren, Maßnahmen die nächsten Monate weiter mitzutragen", so Bergthaler. Corona-Viren mutieren. Dass die Mutation B.1.1.7 gerade in England entdeckt wurde, habe mit dem hervorragenden Infektionsüberwachungssystem zu tun.

Was gegen die Ausbreitung von Mutationen hilft

  • Infektionszahlen niedrig halten: Je stärker ein Virus in der Population zirkuliert, umso wahrscheinlicher ist es, dass Erreger sich verändern und mutieren. "Aus virologischer Sicht ist es deshalb wichtig, Infektionszahlen allgemein niedrig zu halten", sagt die Virologin Judith Aberle von der Med-Uni Wien. Ihr Kollege Christoph Steininger pflichtet ihr bei. "Wir müssen die Pandemie eindämmen, nicht den Mutanten." Je mehr Infizierte, umso mehr Veränderungen. Es existieren zwei Hypothesen zur Entstehung der aktuellen Mutationen. "Entweder es gab einen tierischen Zwischenwirt, oder die Mutation entsteht in immunsupprimierten Patienten, die das Virus lange in sich tragen", vermutet die Evolutionsexperte Reinhard Neher von der Uni Basel.Über die Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen wird wegen unterschiedlicher Lockdown-Regeln diskutiert. Während Isabella Eckerle von der Uni Genf das näher untersuchen will, sagt Virologin Aberle: "Rezente Untersuchungen zeigen, dass sich die neue Variante in allen Altersgruppen gleich ausgebreitet hat, es gibt bisher keinen Hinweis für eine stärkere Ausbreitung bei Kindern und Jugendlichen."

  • Bessere Surveillance: Corona-Viren verändern sich. "Wir werden immer wieder mit neuen Virenmutationen konfrontiert sein", so der Leiter der Viralen Pathogenese am Forschungszentrum CeMM in Wien. "DNA-Sequenzierung zur Überwachung ist essenziell, um das Geschehen zu überwachen und reagieren zu können", sagt Andreas Bergthaler. In Großbritannien werden fünf Prozent aller Proben durch die Genom-Sequenzierungsmaschinen geschickt, in Österreich gerade einmal 0,3 Prozent. "Wir brauchen eine intensivierte Surveillance", sagt deshalb auch Daniela Schmid, Infektionsepidemiologin in der Gesundheitsagentur Ages. Es geht darum, Mutanten aktiv zu suchen. Doch das allein reicht nicht. "Es geht auch darum, Ressourcen, Personal und Know-how aufzubauen, sie zeitnah zu analysieren", sagt Richard Neher von der Forschungsgruppe Evolution von Viren der Uni Basel. Für seinen Kollegen Bergthaler auch ein Weckruf für eine EU-Initiative, um Maßnahmen zu koordinieren, mit denen sich die Ausbreitung verlangsamen lässt. Die britische Variante B.1.1.7 wurde bisher in 32 Staaten nachgewiesen, davon in 15 europäischen. In Österreich sind bisher fünf Fälle bekannt.

  • Digitalisierung als Chance: Weil das Coronavirus keinerlei Beschwerden verursachen, aber genauso gut eine tödliche Erkrankung werden kann, ist das für das Contact-Tracing eine Mammutaufgabe. Die Mutation B.1.1.7 ist um 56 Prozent ansteckender. Das heißt statistisch gesehen: Ein Infizierter steckt nicht mehr nur einen einzigen anderen an, sondern 1,5 andere . "Mit den Lockdowns lassen sich die derzeitigen Varianten auf gleichem Niveau halten, also kaum reduzieren oder eindämmen," gibt Komplexitätsforscher Stefan Thurner vom Complexity Science Hub der Med-Uni Wien zu bedenken, deshalb sei auch die neue ansteckendere Variante "of concern", also besorgniserregend. Sein Lösungsansatz: Digitalisierung. Nur so könnten Fälle schneller und effizienter identifiziert und isoliert werden. In ostasiatischen Ländern sei dieses Potenzial der Datenverfügbarkeit erkannt und auch umgesetzt worden, durch die funktionierende Digitalisierung habe man dort in der Pandemie deshalb "die besseren Karten".

  • Endziel Herdenimmunität: Die Impfungen starten, und zeitgleich sind die ersten Sars-CoV-2-Mutationen bekannt. "Ein aktuelles Paper zeigt, dass die mRNA-Impfungen weiterhin wirksam sind", sagt der Virologe Christoph Steininger und wertet das als positive Nachricht. Zudem haben die Hersteller der mRNA-Impfstoffe bekanntgegeben, dass sie sehr zeitnah ihre Impfstoffe für schwerwiegendere Infektionen anpassen könnten, was derzeit nicht notwendig ist. "Impfen, impfen, impfen", sagt die Infektionsbiologin Daniela Schmid von der Gesundheitsagentur Ages, denn sind erst einmal die vulnerablen Gruppen geschützt, wird sich die Lage insgesamt entspannen. Surveillance sei aber auch bei den Impfungen wichtig. "Wir wissen noch nicht, wie sich die Impfung auf das Infektionsgeschehen auswirkt", sagt der Evolutionsbiologe Reinhard Neher von der Uni Basel. "Wir müssen in der Pandemie lernen, mit Überraschungen und Unsicherheiten umzugehen", ist Bergthaler vom Forschungsinstitut CeMM überzeugt. Entwarnung gibt es erst dann, wenn die Herdenimmunität erreicht ist, also 70 Prozent der Bevölkerung gegen Sars-CoV-2 und seine Mutanten immun sind.

  • Das Reisen einschränken: Bitter, aber doch wahr, Reisen tragen zur Verbreitung von Infektionserkrankungen bei. Insofern sind Reisebeschränkungen aller Art eine effektive Maßnahme zur Eindämmung des Virus – auch der neuen Mutation. Die neue Variante des Coronavirus kursiert besonders stark in Südwestengland, insofern ist anzunehmen, dass Menschen sie von dort über die Reiserouten leichter verbreitet. Nachdem im australischen Brisbane ein Fall der neuen Mutation bei einem Patienten nachgewiesen wurde, hat die Politik einen allgemeinen Lockdown über die Stadt verhängt. Bis zum 15. Februar wurden auf Anordnung der ¬Regierung in Canberra die internationalen Flugverbindungen um die Hälfte eingeschränkt. "In vielen Regionen der Welt wird das Infektionsgeschehen nicht im selben Ausmaß überwacht", sagt Isabella Eckerle von der Uni Genf. Wer aus dem Ausland nach Australien zurückkehrt, muss einen negativen Corona-Test vorweisen. Testungen bei der Einreise sollen Routine werden._Aufgrund der erhöhten Infektiosität und symptomloser Verläufe sind Quarantäne-Regelungen nach Ankunft vorgesehen. (Karin Pollack, 9.1.2021)