Das Verhalten von Astra Zeneca gegenüber der EU hat hitzige Diskussionen angefacht.

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Vor über 2000 Jahren dürften die Bewohner der griechischen Kolonie Sybaris lange in der Schlange gestanden sein, um an ihre Lieblingsspeise zu gelangen. Denn, so legen es historische Quellen nahe: In der Küstenstadt im heutigen Süditalien galt eines der frühesten Patentrechte der Menschheitsgeschichte. Wer eine neue, hervorragende Speise kreierte, durfte diese für ein Jahr lang exklusiv anbieten.

Entsprechend teuer müssen die begehrtesten Snacks gewesen sein. Und weil niemand an den Spitzenköchen vorbeikam, mussten diese keine zusätzlichen Küchengehilfen engagieren. Sie konnten ihre Kunden einfach warten lassen. Ein kleiner Preis für wahre Gourmets, die sich an Delikatessen ergötzen konnten.

Patente kippen?

Das Beispiel aus dem antiken Griechenland bringt ein uraltes Dilemma auf den Punkt, das in der jetzigen Pandemie sogar über Leben und Tod entscheiden kann. Wären wir heute besser mit Impfungen gegen Sars-Cov-2 versorgt, wenn Pharmakonzerne ihre Produkte nicht mit Patenten vor Nachahmern schützen dürften?

Der Chef von Astra Zeneca, Pascal Soriot, hat sich nicht all zu viele Freunde in der EU gemacht. Sein Unternehmen will weit weniger Impfstoff liefern als eigentlich vereinbart. Viele rufen deshalb nach staatlicher Intervention.
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Genau das behauptet Dean Baker vom Center for Economic and Policy Research. Um die Pandemie schneller in den Griff zu bekommen, sollten Patentrechte für Impfungen und Medikamente zur Behandlung von Covid-19 aufgehoben werden, argumentiert der US-Ökonom.

Druck steigt

Es war ein außergewöhnlicher Erfolg, dass gleich mehrere aussichtsreiche Impfstoffe binnen weniger als einem Jahr entwickelt wurden. Doch nun hapert es bei der Produktion und Verteilung derselben. Europa ist verschnupft, weil versprochene Lieferungen länger brauchen – vor allem Astra Zeneca, dessen Impfstoff am Freitag zugelassen wurde, kann vereinbarte Lieferungen wohl nicht so schnell durchführen.

Indien, China und Südafrika fordern sogar, die Regeln der Welthandelsorganisation zum Schutz geistigen Eigentums anzupassen, damit alle, die dazu in der Lage sind, die neuen Impfstoffe fertigen und weltweit verteilen können.

Die USA, die Schweiz und die EU, grob gesagt Länder mit Pharmaindustrie, legten sich quer. Schließlich müsse auch in Zukunft gelten, dass sich teure, risikoreiche Forschung rentiert. Sonst gibt es für die nächste Pandemie keinen Impfstoff.

Patente als Bremse?

Dean Baker widerspricht. Staaten könnten die Milliarden, die sie für die Entwicklung der Impfstoffe bereitstellten, an die Kondition knüpfen, dass alle Forschungsergebnisse sofort freigegeben werden und alle Lizenzen öffentlich sind. Letztlich gehe es Pharmaunternehmen darum, Geld zu verdienen, nicht primär um Patente, gibt Baker zu bedenken.

In Großbritannien ist der Konzern besser angeschrieben. Dort gibt es derzeit keine Lieferschwierigkeiten.
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Scheitert eine raschere Produktion daran, dass nur wenige Firmen die Impfstoffe herstellen dürfen? Kenner der Branche sind jedenfalls skeptisch, ob staatlich vorgeschriebene Freigaben von Lizenzen die Versorgungslage in Europa verbessern würden. Impfstoffe sind biologisch, es gibt keine Generika wie bei anderen Medikamenten. Auch wenn es keine Raketenwissenschaft ist, einen mRNA-Impfstoff herzustellen: Die Massenproduktion erfordert viel Know-how und Kapital.

Der Vertrag der EU mit Astra Zeneca wird unterschiedlich interpretiert. Bei der EU will man sämtliche rechtliche Schritte prüfen, um die Impfstoffversorgung sicherzustellen. Exportkontrollen wurden beschlossen. Ratspräsident Charles Michel denkt sogar über eine Lizensierung des Patents nach.
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Profit steht gegen Gemeinwohl

Auch die Auslastung der Werke wird nicht besser, nur weil der Staat das anordnet. Neuartige mRNA-Impfstoffe wie die von Biontech/Pfizer oder Moderna sind fragil, die Werke können ihre Kapazitäten nicht voll ausschöpfen. Bei anderen Impfstoffen laufen tausende Fläschchen über das Fließband, so schnell, dass man mit freiem Auge unmöglich mitzählen kann. Bei den neuen Impfstoffen geht das nicht – sie würden zerfallen.

Maurice Höfgen, Buchautor und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag, lässt dieses Argument nicht gelten. Der linke Ökonom sieht, wie Baker, in der schleppenden Versorgung mit Impfstoff ein Marktversagen.

Pharmakonzerne optimieren ihren Gewinn. Der sei eben nicht am größten, wenn jetzt Produktionslinien entstehen, die nach der Pandemie unausgelastet bleiben, lautet sein Argument. Wären die Konzerne am Gemeinwohl orientiert, würden sie ihre Produktionskapazitäten jetzt stark ausweiten und neue Fabriken bauen. So wie der Starkoch im antiken Sybaris hätten sie kein Interesse, ihre "Küche" kostspielig zu erweitern, wenn ihre Kunden ohnehin nur bei ihnen einkaufen können.

Produktion hierzulande möglich?

Der Staat müsse eingreifen, fordert Höfgen, der auch Beispiele nennt, die bis zur Verstaatlichung von Produktionsstätten reichen. Ein Blick nach Orth an der Donau, wo eine Impfstofffabrik steht, kann das verdeutlichen. Sie gehört dem Pharmakonzern Pfizer, der gemeinsam mit Biontech den ersten Corona-Impfstoff in Europa auf den Markt gebracht hat. Zehn Millionen Dosen werden dort jedes Jahr produziert. Der Haken: In Orth wird kein Corona-Impfstoff hergestellt, sondern die Zeckenschutzimpfung und Vakzine gegen Meningitis. Warum nutzt man das Produktionswerk nicht, um dringend benötigten Covid-Impfstoff herzustellen?

Alles nicht so einfach

So verlockend das klingt: So einfach lässt sich die Produktion nicht umstellen. Es würde Monate bis Jahre dauern, das Werk in Orth umzurüsten, gibt man bei Pfizer zu bedenken. Besser sei, bestehende Produktionslinien zu optimieren – und das tue man gerade.

So beliefert Astra Zeneca die Welt mit Impfstoff. Was in Ländern einer Farbe hergestellt wird, soll in Ländern derselben Farbe auch verkauft werden.

Außerdem werden ohnehin Werke umgerüstet, wo dies vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen ist. Sanofi produziert in Frankfurt ab Juli den Biontech/Pfizer-Impfstoff. Auch Novartis will mithelfen und den Impfstoff herstellen. Die Branche kollaboriert und rüstet stark auf, sagen Brancheninsider.

Die Impfstoffe kommen

Michael Nawrath, Arzt und Branchenkenner, sieht in Debatten um staatliche Eingriffe auch ein bisschen Hysterie. "Die Hersteller haben ein bisschen zu viel versprochen und sich keinen Spielraum nach unten gelassen", erklärt er. Es sei üblich, dass sich bei neuen, hochkomplexen Produkten manchmal etwas verzögere. Man müsse sich gedulden, denn die Produktion werde gerade erst hochgefahren. Die Liefermengen würden bald sehr stark ansteigen, bald sei genügend Impfstoff da, beruhigt Nawrath.

Engpässe erwarten Experten weniger bei den Produktionskapazitäten als entlang der Lieferkette. Für mRNA-Impfstoffe braucht es etwa Lipid-Nanopartikel (LNP), die auch erst hergestellt werden müssen. Mehr noch sehen Experten mögliche Engpässe bei der Analytik. Bevor eine Impfdosis verkauft werden kann, muss genau geprüft werden, was in der Flasche ist. Die Werkzeuge und Verbrauchsmaterialien dafür müssen zum Teil erst produziert werden.

Gegenmaßnahmen zu befürchten

Die Lieferketten in der Pharmabranche umfassen den gesamten Globus. Der Staat kann Engpässe nicht einfach ignorieren. Wenn er Exporte von Impfungen oder für die Herstellung notwendiger Güter beschränkt, werden sich das andere Staaten nicht gefallen lassen und zurückschlagen, erklärt Dietmar Katinger, Chef von Polymun. Das Unternehmen sitzt in Klosterneuburg und beliefert unter anderem Biontech mit Lipiden. Auch Katinger verweist auf das große Know-how, das bei der Ausrüstung oder dem Prozess erforderlich sei. Sein Kommentar zu den Debatten über Enteignung, Patententzug oder staatliche Produktionslenkung: "Viel Spaß damit." (Aloysius Widmann, Leopold Stefan, Andreas Schnauder, 31.1.2021)