Okonjo-Iweala bewies ihre Hartnäckigkeit schon mit einem Schuldenerlass für Nigeria.

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Hochqualifiziert", "unorthodox", "sanft", aber notfalls auch "hart wie eine Nuss": Selten wurde ein Bewerber für einen internationalen Topjob mit eindrucksvolleren Vorschusslorbeeren belegt. Doch die größte Ehre, die Ngozi Okonjo-Iweala zuteil wurde, war die Tatsache, dass der ehemalige US-Präsident Donald Trump ihre Berufung zur Generaldirektorin der Genfer Welthandelsorganisation WTO unter allen Umständen verhindern wollte.

Der nationalistische Freihandelsfeind legte in letzter Minute noch sein Veto gegen die 66-jährige Nigerianerin ein. Die Repräsentanten der 163 anderen Mitgliedsstaaten der Organisation reagierten gelassen: Sie warteten mit ihrer endgültigen Entscheidung die US-Wahlen ab – und sehen sich nun bestätigt. Mit einer weiteren Kehrtwende der US-Politik stellte sich jetzt auch Joe Biden hinter die Kandidatin. Am Montag wurde sie dann einstimmig als erste Frau und erste Afrikanerin zur Chefin der 26 Jahre alten Welthandelsbehörde gewählt.

MIT-Absolventin

Unter den Akteuren der internationalen Politik ist ihr gewöhnungsbedürftiger Name längst ein Begriff: Die in der US-Eliteschmiede Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit "magna cum laude" promovierte Ökonomin war 25 Jahre lang bei der Weltbank beschäftigt, zuletzt als Managing Director in zweithöchster Position. Dann wurde sie in ihrer nigerianischen Heimat angefordert, der sie zweimal als Finanzministerin und kurz auch als Außenministerin diente – in beiden Positionen als erste Frau im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas.

Okonjo-Iweala wird auch von Christine Lagarde sehr geschätzt.
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Ihren Ruf als toughe Lady erwarb sich Okonjo-Iweala im Finanzresort, wo sie mit der endemischen Korruption im Erdölsektor des Petrostaats aufräumen sollte. Das tat sie dermaßen erfolgreich, dass ihre Gegner, die Treibstoffkartelle, schließlich zu einer drastischen Maßnahme griffen: Sie entführten die 82-jährige Mutter Okonjo-Iwealas und forderten statt der üblichen Millionensumme die Abberufung der Ministerin. Dem Verlangen wurde nicht entsprochen: Trotzdem kam die greise Mutter wenig später frei.

Schuldenerlass für Nigeria

Schon zuvor hatte die Ökonomin ihre außergewöhnlichen Verhandlungskünste unter Beweis gestellt, als sie dem mit 53 Milliarden US-Dollar in der Kreide steckenden Nigeria einen Schuldenerlass ertrotzte. "Niemand anderes hätte das geschafft", schwärmt ein ehemaliger Weltbank-Kollege: Die Geldgeber zur Entschuldung eines in Erdöl schwimmenden Staates zu bewegen sei ein wahres Meisterstück gewesen.

Auf ihre Künste wird die neue WTO-Generaldirektorin jetzt wieder zurückgreifen müssen: Ihre Organisation befindet sich in der Talsohle ihrer Geschichte. Washington und Peking waren in den vergangenen vier Jahren in Genf ununterbrochen in Grabenkämpfe verwickelt: Sie legten die über 800-köpfige Behörde praktisch lahm. Außerdem blockierte die US-Regierung die Besetzung der WTO-Schiedsgerichte, die bei Handelskonflikten zu entscheiden haben. Okonjo-Iwealas Vorgänger, dem Brasilianer Roberto Azevedo, wurde das alles zu viel: Er gab ein Jahr vor seinem regulären Amtsende – im vergangenen August – auf.

Lagarde schwärmt

Wenn jemand die WTO wieder auf Trab bringen könne, dann Okonjo-Iweala, ist die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, überzeugt: Sie werde diese "gehörig aufrütteln". Die Nigerianerin sei eine "wunderbare, sanfte und sehr zärtliche Frau" mit "authentischen Ansätzen bei der Lösung von Problemen", schwärmt Lagarde: Aber "unter dem weichen Handschuh" befinde sich eine "harte Hand und dahiner ein strenger Wille".

Was Okonjo-Iweala außer ihrem Geschlecht und ihrer Herkunft noch von ihren Vorgängern unterscheidet: Sie weiß aus eigener Erfahrung, was Armut bedeutet. Als Kind wuchs sie bei ihren Großeltern auf. "Ich tat alles, was ein Mädchen vom Dorf so tut", erzählte sie der BBC: "Wasser holen, zum Bauern gehen, die Einkäufe erledigen. Ich kann jederzeit auf dem kalten Boden schlafen – aber auch im Federbett."

Subventionen im Fokus

Die sanfte Faust wird so eine neue Perspektive nach Genf bringen: Ihrem Kontinent ist an freiem, aber gerechtem Handel mehr gelegen als mancher anderen Region der Welt. Eines ihrer Ziele sei es, die den Handel verzerrenden Subventionen der Industrienationen aus dem Weg zu räumen, kündigt die designierte Generaldirektorin an. Doch zuallererst müsse die Organisation gefestigt werden: "Die brauchen jemand, der sie führt und reformiert." (Johannes Dieterich, 15.2.2021)