Die Journalistin Solmaz Khorsand fragt im Gastkommentar: "Wo kommen wir denn hin, wenn die Frauen, die Behinderten, die Schwulen, die Migrantinnen und all die anderen sich aus dem Elendsolymp verabschieden und sich in den Parlamenten, Redaktionen, Aufsichtsräten und Theaterhäusern wiederfinden?"

Wer verdient das größte Stück vom Pathoskuchen? Wessen Leid den größten Raum?
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Für Feinschmecker der Aufmerksamkeitsökonomie gibt es ein begehrtes Gut: den Pathoskuchen. Wir alle wollen ein Stück davon. Umso mehr, wenn wir erkennen, wie viele dafür anstehen und mit Vehemenz das Größte für sich beanspruchen.

Wer hat es denn verdient, das größte Stück vom Pathoskuchen? Die Männer? Die Frauen? Welche genau? Die Penthousebesitzerin genauso wie die Gemeindebaubewohnerin? Die Weiße genauso wie die Schwarze? Wessen Leid bekommt den größten Raum? Wessen Drama muss als Erstes adressiert werden? Bringt die Politik ins Schwitzen? Und wem widmet sich die lange, mitfühlende Reportage in der Zeitung, und wer schafft es nicht einmal in die Kurznachrichten?

Sie sehen, wie überall im Leben gibt es auch hier eine Hierarchie. Im feministischen Diskurs spricht man von den "Oppression Olympics", dem Wettstreit darüber, wer das größte Leid, die größte Unterdrückung, die größte Diskriminierung erfährt. Bei dieser Olympiade würde die "am meisten unterdrückte" Person als "Sieger" hervorgehen. Geprägt hat den Begriff die mexikanisch-amerikanische Autorin und Aktivistin Elizabeth Martínez in den 1990er-Jahren. Sie appellierte an ihre Mitstreiterinnen, sich nicht in diesen Wettstreit zu verzetteln. Jedwede Form der Hierarchisierung von Bedürfnissen in verschiedenen Communitys sollte vermieden werden, sagte Martínez. Niemand sollte etwa behaupten, dass ein Frauenzentrum wichtiger sei als ein Kulturzentrum für Latinos. Beides hätte seine Berechtigung. Es gebe verschiedene Formen zusammenzuarbeiten, ob in Allianzen oder Netzwerken, langfristig oder nur auf den Moment bezogen. Doch am Ende sei es essenziell, gemeinsam am gleichen Strang zu ziehen, denn der Feind sei für alle derselbe: das Patriarchat.

Normale Forderungen

Das Pathos von marginalisierten Menschen wurde von jeher für unangemessen oder extrem gehalten. Jenes der Schweizerinnen etwa. Sie wurden bei ihrem "Kampf ums Stimmrecht jahrzehntelang beschuldigt, die Gesellschaft zu gefährden und zu spalten. Heute wirken ihre damaligen Forderungen wie das Normalste der Welt", analysiert die Schweizer Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach in ihrer Arbeit die Situation. Dieses Jahr feiert die Schweiz 50 Jahre Frauenstimmrecht. Ja richtig, jenes für seine demokratische Tradition berühmte Land, hat als eines der letzten europäischen Länder der Hälfte seiner Bevölkerung 1971 das Wahlrecht zugestanden, im Kanton Appenzell Innerrhoden gar erst 1990. Und das erst, nachdem die Frauen ihr Recht vor Gericht eingeklagt hatten.

Beängstigend kann das sein für eine Gesellschaft, die sich in der Dichotomie eines imaginierten Zentrums und eines Randes bewegt. Es schrillen die Alarmglocken, wenn die vormals an den Rand Gedrängten plötzlich Ansprüche stellen: die reinen Männerpanels kritisieren, die reinen Akademikerparlamente, die weißen Redaktionen. Mit einem Mal will dieser Rand nicht nur gesehen werden, er will Teilhabe, und zwar mittendrin. Und dann steht jene Frage im Raum, die jede vermeintlich meritokratische Gesellschaft am meisten fürchtet: die Quote. Nur die besten sollten vorpreschen, lautet dann das Argument. Seltsamerweise scheinen die Besten meistens nur weiße nicht-behinderte Männer zu sein.

Eine Parallelgesellschaft

Wer sich die Parlamente, die Vorstände und Redaktionen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz ansieht, wähnt sich in Parallelgesellschaften. Etwa, wenn im österreichischen Parlament mehr Bauern (acht Prozent) als Migranten (4,9 Prozent) sitzen, wobei nur drei Prozent der Bevölkerung als Landwirte arbeiten und 24 Prozent der in Österreich lebenden Menschen ihre Wurzeln in einem anderen Land haben. Oder wenn 75 Prozent der in den Schweizer Nachrichten erwähnten Personen Männer sind. Oder wenn Schwerbehinderte in Deutschland im öffentlichen Raum kaum zu sehen sind, obwohl sie ein Zehntel der Bevölkerung ausmachen.

"Morgen ist eh wieder Männertag!" Autorin Gertraud Klemm im STANDARD/Album.

Was wenn all die sonst so unsichtbaren Gruppen plötzlich ihren Platz beanspruchen? Dann entsteht ein "Unbehagen", von dem die deutsche Autorin Carolin Emcke in ihrem Buch Gegen den Hass geschrieben hat, "ob es nicht langsam zu viel sei mit der Toleranz, ob diejenigen, die anders glauben oder anders aussehen oder anders lieben, nicht langsam auch zufrieden sein könnten". Irgendwann ist Schluss mit dem Rumgenöle nach Repräsentation, gleichen Chancen und Rechten, irgendwann muss doch auch einmal "die Obergrenze für Gleichberechtigung" erreicht sein. Wo kommen wir denn hin, wenn die Frauen, die Behinderten, die Schwulen, die Migrantinnen und all die anderen sich aus dem Elendsolymp verabschieden und sich in den Parlamenten, Redaktionen, Aufsichtsräten und Theaterhäusern wiederfinden? Wird es dann nicht ganz schön eng in den Zentren der Macht und Meinungsmache, der Kultur und Gesellschaft?

Bloß nicht zu viele vom Elendsolymp holen. Weil dann könnte sich ja tatsächlich etwas ändern. (Solmaz Khorsand, 8.3.2021)