Ein unersetzliches Gefühl: die gemeinsame Katharsis im Club mit ordentlich Bass.

Foto: Getty

Wir feiern dieser Tage das erste Jubiläum des Nichtfeierns: ein Jahr ohne echten Clubbetrieb in Österreich. Zwar konnte dank staatlicher Hilfe ein großes Clubsterben weitestgehend abgewendet werden, gegen die Sehnsucht nach der gemeinsamen Katharsis im Basshagel hilft aber auch kein Geld.

Indes versuchen Clubbetreiber ihre Räumlichkeiten anders zu nutzen. Mike Tscholl, Betreiber des Loft am Gürtel, erhält viele Anfragen zu Drehs und Streams, auch ein neuer Online-Radiosender aus Wien namens Vlan beschallt das Internet aus dem Loft heraus. In der Grellen Forelle wird die Infrastruktur gerade genutzt, um in Zusammenarbeit mit der Caritas jeden Dienstag für ein Frauenhaus warme Mahlzeiten zuzubereiten.

So ähnlich geschieht es gerade auch in der großen Partystadt Berlin, wo viele Clubs ihre Räumlichkeiten für karitative Zwecke bereitstellen: Clubs zeigen sich so als Stätten mit sozialem Gewissen. In Berliner Institutionen wie dem Berghain oder der Wilden Renate gab es in der tanzlosen Zeit Ausstellungen. "Clubs waren schon immer kreative Mehrzweckräume. Das ist nichts Neues. Neu ist nur, dass in der Pandemie genau das erstmals für die breite Öffentlichkeit sichtbar wird. Projekte wie die Ausstellung Overmorrow in der Wilden Renate bereichern die Kulturlandschaft der Stadt, Geld verdienen wir damit aber nicht", erzählt Florian Wozny von der Wilden Renate.

Dieser Text ist ein Teil der Serie "Die Zukunft der Kultur". Weitere Serienteile finden Sie im Infokasten unter dem Artikel.

Kein Indoor vor Herbst

In New York soll ab 2. April zwar geöffnet werden dürfen, allerdings mit maximal 150 Gästen indoor, wenn alle negative Tests vorweisen können und Masken tragen. In England wurde der 21. Juni als frühestmöglicher Termin kommuniziert, an dem Clubs öffnen und große Festivals wieder stattfinden sollen. Unter welchen Bedingungen ist noch ungewiss. In Deutschland gibt es einen Stufenplan, in dem von Cluböffnungen aber noch nicht die Rede ist, auch in Österreich legt das Infektionsgeschehen ein baldiges Aufsperren nicht gerade nahe.

"Vor Herbst planen wir gar nichts", hört man sowohl aus Wien als auch aus Berlin. "Clubbetrieb, wie wir ihn kennen, wird es erst mit einer hohen Impfrate geben", sagt Martina Brunner von der Vienna Club Commission. "Eingeschränkter Betrieb ist mit negativen Tests aber sicher möglich." Konzepte dafür kursieren seit Anfang der Pandemie en masse und global: Vorzeigen von negativen Tests, Tragen von Masken, Contact-Tracing-Apps, Vorkehrungen in den Musikspielstätten selbst wie Desinfektionsmöglichkeiten oder Lüftung, deutlich weniger Gäste und so weiter. In Städten wie Halle, Marseille oder Barcelona werden einstweilen Testkonzerte veranstaltet und wissenschaftlich begleitet.

Auf nach Draußen

Doch welche Herausforderungen gibt es mittelfristig? "Corona hat aufgezeigt, dass der Druck auf den öffentlichen Raum steigt", wie Brunner sagt. Damit geht auch der Schutz der Anrainer vor Lärm einher. In Berlin sind Outdoor-Partys stark gegen "die Verdrängung der Subkultur durch Spekulation und eine vollkommen veraltete Städteplanung", wie Wozny von der Wilden Renate zusammenfasst.

Doch wie werden wir nach der Pandemie feiern? Wird der Clubbetrieb genauso ablaufen wie davor? Bilder aus Ländern, wo wieder Party gemacht wird – man denke an die Fotos von "Post"-Corona-Feiernden aus Wuhan, die durch die Medien gingen –, legen es nahe.

Lutz Leichsenring von der Clubcommission Berlinbeobachtet zwei gegenläufige Trends: "Einerseits könnten uns die ,Roaring Twenties des 21. Jahrhunderts‘, also exzessive Partys, bevorstehen. Auf der anderen Seite geht der Trend hin zu kleineren Veranstaltungen. Gesund leben, wenig trinken, nachhaltig sein." Zurück zum alten Normal kann eine progressive Clubkulturszene laut Leichsenring aber nicht wollen. Die Schere bei der Bezahlung von DJs gehöre geschlossen, Diversität in Line-ups gefördert und Partytourismus durch nachhaltigen Tourismus ersetzt. Nachhaltigkeit ist auch das A und O für die Berliner Initiative Clubtopia, die Clubs dabei berät, wie sie grüner werden können. "Wir wollen klimafreundliche Lösungen im Clubbetrieb aufzeigen. Massive Einsparungen von Energie und CO2 können durch den Bezug von Ökostrom, Nutzungsweise und Aufbau von Heizungen wie auch durch oft benutzte Geräte wie Kühlschränke und Lichtanlagen erfolgen", erklärt eine Sprecherin.

Club bleibt international

Wie in Hinkunft Clubs in der Raumgestaltung noch offener und flexibler gestaltet werden können, sodass sie sich für eine Vielzahl von Veranstaltungen eignen, sind weitere Überlegungen, die angestellt werden. Auch wie man beim Bau von neuen Clubs stadtplanerisch Sorge tragen kann, dass es nicht zu Verwerfungen mit Anrainern kommt und Musikspielstätten eher als Bereicherung denn als Belastung wahrgenommen werden.

Zwei Dinge werden sich aber nicht ändern: erstens das Live-Erlebnis. Wie auch Festivals lebt der Club von der schwitzenden Masse. Digitale Möglichkeiten wie Virtual Reality oder Streams, mit denen im Lockdown experimentiert wurde, sind "nice to have", aber kein Ersatz. Zweitens wird man bei Bookings auch weiterhin nicht nur auf lokale Talente zurückgreifen: "Das würde im Kontrast zu den Eigenschaften stehen, die Clubkultur zu dem gemacht haben, was die lokale Szene inspiriert: Multikulturalität und der Bass über die Grenzen hinweg – eben das, was den Dancefloor als Utopie ausmacht", so Laurent Koepp von der Vienna Club Commission.(Amira Ben Saoud, 12.3.2021)