New York/Wien – Die internationale Staatengemeinschaft hat weitere 6,4 Milliarden Dollar für humanitäre Hilfe in Syrien zugesagt. Die Unterstützung wurde am Dienstag auf einer von der EU ausgerichteten Geberkonferenz vereinbart. Österreich sagte einen Beitrag von 18,2 Millionen Euro zu. Deutschland steuert nach Angaben von Außenminister Heiko Maas umgerechnet gut zwei Milliarden Dollar zur Versorgung der notleidenden Zivilbevölkerung in dem Bürgerkriegsland bei.

Der Beitrag der USA beläuft sich auf knapp 600 Millionen Dollar, der der EU aus dem gemeinsamen Budget umgerechnet knapp 660 Millionen Dollar und der Großbritanniens umgerechnet 281 Millionen Dollar. Ziel der Vereinten Nationen waren bei der diesjährigen Konferenz Zusagen über zehn Milliarden Dollar. Die Regierungen haben aber mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise zu kämpfen.

Außenminister Schallenberg forderte zuvor, die Verantwortlichen für begangene Verbrechen zu belangen.
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Verbrecher zu Rechenschaft ziehen

"Die humanitäre Situation der Menschen in Syrien und der Region bleibt nach einem Jahrzehnt von Tod, Zerstörung und unaussprechlichem Leid verheerend", sagte Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) laut einer Aussendung seines Ministeriums. "Die syrische Bevölkerung hat Besseres verdient, nach zehn Jahren Leid und Not muss das Warten auf Frieden ein Ende haben." Syrien und seine Nachbarn sind nach Angaben des Außenministeriums seit Beginn der Krise Schwerpunkt der österreichischen humanitären Hilfe. Seit 2011 hat Österreich den Angaben zufolge humanitäre Hilfsprogramme von internationalen Organisationen und österreichischen NGO mit 160 Millionen Euro unterstützt.

Auch Maas nannte die Lage in Syrien katastrophal. Nach zehn Jahren Bürgerkrieg fehle es dort an allem. Zwei Drittel der Menschen hätten nicht genug zu essen, jeder Zweite sei auf der Flucht. Um zu helfen, steuere Deutschland deshalb den höchsten Beitrag seit vier Jahren bei. Deutschland hatte im vergangenen Jahr 1,58 Milliarden Euro gegeben.

Die Vereinten Nationen hatten gewarnt, dass die Zahl der Menschen in Syrien, die dringend von humanitärer Hilfe abhingen, immer weiter steige. Die Corona-Pandemie erschwert die Lage zusätzlich. Der seit Jahren tobende Bürgerkrieg hat Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Fast drei Millionen Flüchtlinge im Nordwesten bräuchten Hilfe, die grenzüberschreitend organisiert werden müsse, sagte Maas.

Zehn Jahre Krieg

Diesen März ist es zehn Jahre her, dass es im Zuge des Arabischen Frühlings in Syrien zu Massenprotesten gegen das Polizei- und Geheimdienstregime von Präsident Bashar al-Assad kam. Diese mündeten in einen bis heute wütenden (Bürger-)Krieg, nachdem Assad das Militär gegen die eigene Bevölkerung einsetzte. Ein NGO-Bericht zog Anfang März zum zehnten Jahrestag eine verheerende Zahlenbilanz: über 600.000 Tote, schätzungsweise 13 Millionen Vertriebene, 1,2 Billionen Dollar an Kosten.

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Die Untersuchung mit dem Titel "Ein zu hoher Preis" der Kinderhilfsorganisation World Vision und der Beratungsfirma Frontiers Economics hat sowohl die Auswirkungen des Kriegs auf die syrische Wirtschaftskraft als auch die Menschen, insbesondere die Kinder, unter die Lupe genommen. Unter den 600.000 Toten sind 55.000 Kinder (mehr als neun Prozent).

Trauriger Rekord

Der Syrien-Krieg ist demnach jener Konflikt weltweit mit den meisten Bombenabwürfen auf Schulen sowie auch Gesundheitseinrichtungen. Die Lebenserwartung der Kinder in dem Land ist seit 2011 auch wegen des Einsatzes von Kindern als Soldaten um 13 Jahre gesunken. "Ich habe in der ganzen Region Kinder getroffen, deren Leben durch den Konflikt zerstört wurde", fasst der Präsident von World Vision International, Andrew Morley, laut einer Aussendung zusammen.

Was die materiellen Kosten des Krieges betrifft, hat die Untersuchung die grimmen Vorhersagen einer Vorgängerstudie von 2016 bestätigt. Der Bericht vor fünf Jahren hatte davor gewarnt, dass die wirtschaftlichen Kosten von damals über 275 Milliarden US-Dollar (229 Milliarden Euro) im schlimmsten Fall bis zum Jahr 2020 auf 1,3 Billionen US-Dollar steigen könnten. Das hat sich mit den nun erreichten 1,2 Billionen US-Dollar (998 Milliarden Euro) fast bewahrheitet. Diesen 1,2 Billionen steht die vergleichsweise geringe Summe von 19,4 Milliarden Dollar an internationaler humanitärer Hilfe, die die Menschen in Syrien bisher erreicht hat.

Millionen leiden an Hunger

Nach zehn Jahren Krieg hat die Not der syrischen Bevölkerung ein unvorstellbares Ausmaß angenommen, schlug kürzlich auch die Caritas Österreich Alarm. Dazu sind auch Nachbarländer, die unzählige syrische Flüchtlinge aufgenommen haben, am Ende ihrer Kräfte. Die Caritas verwies laut Kathpress Mitte März auf eine Schätzung des Welternährungsprogramms (WFP), wonach alleine in Syrien 9,3 Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe benötigen.

Fast zehn Millionen Menschen sind in Syrien auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.
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Laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) gibt es in ganz Syrien rund 13,4 Millionen Menschen, die auf humanitäre Hilfe in der einen oder anderen Weise angewiesen sind; 4,7 Millionen davon sind Kinder. Neben Nahrungsmittelknappheit sind auch mangelnde Infrastruktur, Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven für die Kinder sowie fehlende medizinische Versorgung Gründe, weshalb sich Menschen auf die Flucht begeben.

Derzeit leben laut dem UN-Flüchtlingshochkommissariat rund 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon. Dort hat die verheerende Explosion im Beiruter Hafen am im August 2020 die Lage weiter verschärft. Nach Schätzungen der jordanischen Regierung beherbergt Jordanien derzeit rund 1,3 Millionen Syrerinnen und Syrer. Nach wie vor hätten Flüchtlinge nur begrenzten Zugang zu humanitärer Hilfe und erheblich eingeschränkte Möglichkeiten, ein Einkommen für ihre Familien zu erwirtschaften. (APA, red, 30.3.2021)