Der Schein trügt nicht. Immer mehr Menschen haben genug von andauernden Lockdowns. Das ist laut einer Studie nicht nur in Österreich so, sondern auch in den meisten Ländern.

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Die "Osterruhe" zur Eindämmung der Corona-Krise wird in Wien bis 11. April verlängert. Die Befürchtungen so mancher Handelsvertreter werden damit wahr. "Jetzt haben sie schon so oft zugemacht, und trotzdem hat sich die Lage nicht gebessert", beklagt eine Wiener Blumenhändlerin und hat damit recht. Neue Beschränkungen greifen immer weniger. Und das nicht nur in Österreich.

Ökonomen aus den USA und Argentinien haben sich angeschaut, ob Lockdowns dauerhaft dazu taugen, Todeszahlen und Infektionsgeschehen niedrig zu halten. Das ernüchternde Ergebnis der auf dem renommierten Ökonomen-Blog voxeu.org veröffentlichten Studie: nein. Für die Studie verglichen die Forscher den von der Universität Oxford errechneten "Stringency Index", ein Maß für die Härte des Lockdowns, mit Mobilitätsdaten und dem Infektionsgeschehen in den 152 Ländern.

Dabei zeigte sich: Je länger ein Lockdown – auch mit Unterbrechungen – dauert, desto weniger halten sich die Menschen daran. Lockdown-Müdigkeit nennen die Forscher das Phänomen. Sie schließen daraus, dass Lockdowns nur als befristetes Mittel zur Pandemiebekämpfung beitragen können, mit Andauern der Pandemie sollten sich Regierungen andere Maßnahmen einfallen lassen.

Junge Menschen leiden stark unter sozialen Beschränkungen.
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Müde vom Lockdown

Katharina Gangl, Verhaltensforscherin am Institut für Höhere Studien (IHS), findet die Studienergebnisse schlüssig. Dass die Menschen in Österreich Lockdown-müde werden, lasse sich auch an hiesigen Mobilitätsdaten ablesen. Interessanter sei die Frage, was genau an der Corona-Politik nicht mehr bei den Menschen zieht. Man sollte Menschen nicht sofort als Rebellen verteufeln, gibt Gangl zu bedenken und erklärt: "Bei jungen Menschen ist die Zahl der Depressionen stark angewachsen, viele halten es einfach nicht mehr aus in der Isolation." Es gebe auch Menschen, die ihre Orientierung bei den ständig wechselnden Verordnungen verloren haben. Menschen handeln aus Gründen.

Lockdowns kosten heute wie vor einem Jahr viel Geld. Aber sie retten heute weniger Leben, sie werden somit kostspieliger. Allerdings scheint kaum eine Regierung in Europa eine Alternative gefunden zu haben. Die Politik setzt alle Hoffnung auf die in der EU schleppend voranschreitende Impfung. Aber was ist der Plan B?

Ideen fürs Nachschärfen

Expertin Gangl hat Ideen, wie man Bestehendes nachschärfen kann: "Damit sich mehr Menschen an die Regeln halten, müsste man das Vertrauen in die Politik stärken", sagt sie. Es gebe aber ein paar gut belegte Mittel aus der Verhaltenswissenschaft, auf die man bei einzelnen Maßnahmen achten sollte. Es sei etwa wichtig, einfach und ehrlich zu kommunizieren. Es müsse klare Ziele geben, die dann auch verfolgt werden. Das Vertrauen der Menschen leide besonders darunter, wenn ständig wieder alles anders ist, erklärt die Expertin und beruft sich dabei auf ein Policy Paper, in dem IHS-Experten "Zehn Gebote der Verhaltenswissenschaften in der Pandemiebekämpfung" aufführen.

Lockdown bleibt Lockdown.
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Vielleicht hilft ein Blick nach Japan, das bei der Pandemiebekämpfung als Musterschüler gilt. Zuletzt wurden in dem ostasiatischen Land auf eine Million Einwohner nicht einmal 13 tägliche Fälle gemeldet. In Österreich waren es zuletzt rund 350 Neuinfektionen. Dabei waren die Lockdowns und Beschränkungen hierzulande seit vergangenem April durchgehend strenger als in Japan, wo man zwar Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele absagte, aber Geschäfte weitestgehend offen ließ. Tokio setzte auf freiwillige Kontaktvermeidung.

Ideen aus Tokio

Mit einfachen Mitteln ließe sich die Disziplin stützen, bestätigt eine neue Studie: Eine Gruppe von Verhaltensökonomen von der Keio-Universität in Tokio hat erstmals untersucht, welchen Effekt dezente tägliche Hinweise auf die Mobilität der Bürger haben. Laut der noch nicht begutachteten Studie schickten die Ökonomen an rund 300.000 Einwohner Tokios Inserate aufs Handy. Dabei testen sie verschiedene Appelle, die Maßnahmen einzuhalten. Im Schnitt bewegten sich Handynutzer, die eine der Nachrichten erhielten, an Wochenendtagen um knapp eine Stunde weniger draußen, wie eine Auswertung von GPS-Daten zeigte.

In Japan funktioniert die Pandemiebekämpfung besser als in den meisten Ländern.
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Inhaltlich funktionierte am besten, auf drohende Rekordarbeitslosigkeit durch eine zweite Welle hinzuweisen. Der Verweis auf gesundheitliche Risiken funktionierte weniger gut. Vermutlich habe man vor allem jüngere Menschen beeinflusst, während ältere Risikogruppen sich ohnehin isoliert hätten, vermuten die Ökonomen. Effektiv sei auch die Botschaft gewesen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung weiterhin in Eigenisolation bleibe. Sozialer Druck ist eine bewährte Methode, Menschen zu motivieren, wissen Verhaltensforscher.

Unklar bleibt, ob sich der Nutzen mit der Zeit abschwächt und ein Gewöhnungseffekt eintritt. Fraglich ist auch, wie sehr kulturelle Unterschiede mitspielen und eine ähnliche Kampagne in Österreich funktionieren würde. Großer Vorteil der Inserate: Sie kosten fast nichts. Einen Versuch wäre es wohl wert. (Regina Bruckner, Leopold Stefan, Aloysius Widmann, 31.3.2021)