Streit und Gerangel am Spielplatz: Als Eltern Grenzen aufzuzeigen ist wichtig.

Foto: getty images

Frage:

"Unsere Tochter ist zweieinhalb Jahre alt. Sie ist ein sehr liebes Mädchen, höflich und verkuschelt. Sie ist das einzige Kind in der Familie und wird von ihren Eltern und Großeltern heißgeliebt. Was uns aber irritiert, ist, dass sie sich seit einigen Monaten immer wieder gegenüber Tieren und anderen Kindern brutal verhält. Sie zieht unsere Hündin am Schwanz und greift ihr fest ins Fell und reißt ihr dabei manchmal sogar einige Haare aus. Andere Kinder am Spielplatz haut und zwickt sie.

Wir wissen nicht, was wir falsch gemacht haben. Uns macht das wirklich betroffen. Schließlich haben wir ihr immer vorgelebt, dass Gewalt nicht okay ist. Wenn sie sich so verhält, sind wir sehr streng mit ihr. Wir sagen ihr klar und deutlich, dass das so nicht geht und dass das den anderen wehtut. Wir machen uns Sorgen, weil sie in ein paar Monaten in den Kindergarten kommt. Wie soll das dort werden? Was kann hinter solch einem brutalen Verhalten stecken?"


Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Das ist ein Problem, das gar nicht selten vorkommt und für viele Eltern peinlich ist: Kinder, die anderen Kindern gegenüber aggressiv sind, sie schlagen, hänseln oder mobben. Ein solches Verhalten gibt es zur Überraschung vieler Eltern, auch ohne dass die Kinder besonderen Stress haben oder zu Hause selbst aggressivem Verhalten ausgesetzt sind. Vielmehr können Aggressionen gegenüber anderen Kindern auch einfach so auftreten, ohne jeden Grund. Dabei geht es den Kindern um die pure Lust am Austesten. Ausprobieren, was geht, das ist der Weg, mit dem Kinder sich die Welt erobern und lernen, welche Regeln in ihr gelten. Und so halten sie es auch mit ihren aggressiven Impulsen.

Schon wer einen Säugling auf dem Schoß sitzen hat, kann erleben, wie das Kleine spielerisch an den Haaren des Erwachsenen zieht und dann neugierig dessen Reaktion registriert. Entsprechend testen Kinder auch untereinander aus, was sie mit ihren wachsenden Kräften alles bewirken können. Ihre Tochter wächst als Einzelkind auf und muss daher ihre aggressiven Erfahrungen mit anderen draußen machen, weil zu Hause keine Gleichaltrigen dafür vorhanden sind.

Bei diesem Erkundungsprozess müssen Kinder lernen, wo es Grenzen gibt. Diese aufzuzeigen, ist Aufgabe der Eltern, altersentsprechend und liebevoll, doch konsequent und notfalls mit dem nötigen Nachdruck des Gefühls, das die Handlung des Kindes in den Eltern auslöst. Ohne eine solche Anleitung wird das Leben früher oder später selbst die Grenzen für die Kinder bereithalten, ohne dass sie sich dann auskennen und ohne dass ihre Gefühlsreaktion gegebenenfalls verständnisvoll aufgefangen wird.

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
Foto: Andrea Diemand

In der heutigen Erziehungslandschaft wird oft unterschätzt, und doch kann man es nicht oft genug wiederholen: Auch der Umgang mit negativen Gefühlen muss erst gelernt werden. Am besten im Kindesalter am lebendigen Vorbild. Andernfalls bleibt Kindern nur, ihre aggressiven Gefühle zu unterdrücken, um den Preis, dass sie psychisch gehemmt und womöglich krank werden. Oder ihre aggressiven Gefühle brechen irgendwann unkontrolliert hervor.

Mit dem Austesten der eigenen Aggressionen ist es wie bei Kindern, die gerade Laufen gelernt haben und nicht einfach auf die Straße stürmen dürfen. Wenn ein Kind sich also aggressiv gegenüber anderen Kindern verhält, müssen seine Eltern ihm beibringen, dass das nicht geduldet wird, dass aggressives Verhalten gegenüber anderen verboten ist. Egal, wem gegenüber. Die Werte, die im Umgang miteinander zu Hause gelten, sind auch außerhalb der eigenen vier Wände gültig. Und dazu gehört ein würdevoller Umgang mit anderen Menschen. Wenn Sie als Eltern das konsequent umsetzen, wird Ihre Tochter schon bald akzeptieren, was geht und was nicht, und ihr baldiger Weg in den Kindergarten wird kein Problem sein. (Hans-Otto Thomashoff, 5.4.2021)


Antwort von Linda Syllaba

Ich denke, Sie haben gar nichts "falsch" gemacht und dürfen weiter dranbleiben, ihrer Tochter vorzuleben und auch zu sagen, wie Sie selbst mit Tieren und anderen Menschen umzugehen pflegen. Bei einem so kleinen Kind baut sich emotionale Spannung schlichtweg auch körperlich ab. Nicht nur Wut, Frust und Ärger, sondern auch besondere Freude oder Leidenschaft erzeugt starke Energie im Körper, die wir bisweilen von den Zehenspitzen bis in die Haarwurzeln spüren können. Das geht Kindern ganz genauso, mit dem Unterschied, dass sie erst Strategien entwickeln lernen, wie sie diese Emotionen gesellschaftsverträglich zum Ausdruck bringen. Zivilisationsprozesse dauern nun mal ein paar Jahre, dazu ist Kindheit auch da: um zu lernen, was in der Gesellschaft, in der ich lebe, "angesagt" ist.

Mit zweieinhalb Jahren kann Ihre Tochter zusätzlich auch noch nicht sprachlich ausdrücken, wie es ihr geht. Das verstärkt die Spannung nochmals. Hier können Sie ansetzen und ihr Worte geben für das, was Sie wahrnehmen. Beobachten Sie Ihre Tochter offen und neugierig, möglichst ohne sie zu bewerten. Dann sagen Sie einfach, was Sie sehen, beispielsweise: "Das ist so ein süßer Hund, gell, du freust dich, ihn zu sehen!?" Ich vermute, dass ihre Begeisterung etwas ungestüm daherkommt und keine bösartige Absicht hinter dem Verhalten steckt. Helfen Sie ihr, diese Freude zu regulieren.

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Sie ist Autorin der Bücher "Die Schimpf-Diät" (2019) und "Selfcare für Mamas" (2021).
Foto: Bianca Kübler Photography

Ähnlich wird es sich mit anderen Kindern verhalten. Da entsteht manchmal eine Dynamik, die sie als Zweieinhalbjährige noch nicht "zivilisiert" managen kann. Bleiben Sie in der Nähe, beobachten Sie, was passiert, und auch wenn es aus Erwachsenensicht "eh nicht so schlimm" oder "halb so wild" ist, für Ihre Tochter sind das in diesem Moment bedeutsame Erfahrungen, mit Emotion unterlegt. Beschwichtigen Sie nichts, nennen Sie die Dinge beim Namen, ohne irgendjemand zu beschuldigen. Der Satz "Du wolltest mit der Schaufel spielen und jetzt hat sie ein anderes Kind" ist dann völlig ausreichend, damit Ihre Tochter sich wahrgenommen fühlt – und gleichzeitig auch Worte lernt, die das beschreiben, was sie erlebt.

Für die weiteren Schritte kann ich Ihnen sehr ans Herz legen, immer wieder mal die Frage "Und, was wirst du jetzt machen?" mitzunehmen. Das signalisiert Ihrer Tochter, dass Sie ihr sowohl zutrauen als auch zumuten, selbst Lösungen für ihre Probleme zu finden. Das ist für die Entwicklung der Eigenverantwortung enorm wichtig. Auch wenn wir in frühen Jahren noch das eine oder andere Mal eingreifen dürfen, wenn die archaische Lösungsvariante in den Vordergrund rückt, nämlich dem Gegenüber die Schaufel übers Haupt zu ziehen, wenn einem der blöd kommt. In so einem Moment dürfen Sie natürlich dazwischengehen und in persönlicher Sprache mit Ihrer Tochter sprechen: "Nein, das will ich nicht! Ich kann sehen, dass du dich ärgerst, aber hauen erlaube ich nicht!" So lernt sie, was in dieser Zivilisation erlaubt ist, ohne selbst dabei abgewertet zu werden. (Linda Syllaba, 5.4.2021)