Microsoft-Boss Satya Nadella blickt mit Zuversicht in die Windows-Zukunft. Der Android-Support in Windows 11 lässt aber noch viele Fragen offen.

Foto: Ted S. Warren / AP

Es war die größte Überraschung im Rahmen der Vorstellung von Windows 11: Microsofts Betriebssystem wird künftig auch Android-Apps unterstützen. Das klingt zunächst einmal gut, wirft aber auch einige Fragen auf. Etwa wie das überhaupt geht, aber auch, wo etwaige Defizite versteckt sein könnten. Selbst ausprobieren kann man das Ganze zwar derzeit noch nicht, der Android-Support soll erst in späteren Testversionen für Windows 11 folgen, allerdings hat das Unternehmen in den vergangenen Tagen einige Details verraten, die bereits einen recht guten Überblick ermöglichen.

Sinnfrage

Zunächst aber noch eine Extrafrage: Wozu das Ganze eigentlich? Microsoft selbst argumentiert das Ganze recht trocken – es gebe nun einmal sehr viele Android-Apps, darunter auch so manches, was man unter Windows sonst nicht finde. Insofern liefert man den Nutzern also nun noch eine weitere Option. Generell passt dies gut dazu, dass Microsoft Windows zunehmend als eine Art neutrale Plattform positionieren will, auf der irgendwie alles läuft: von nativen Windows-Anwendungen über Web-Apps und Linux-Programme bis zu nun eben auch Android-Apps.

Was man dabei nicht sagt: Natürlich ist das auch eine Reaktion auf die Konkurrenz. Aktuelle Macs mit M1-Chips können iOS-Apps ausführen, und unter Chrome OS, das Windows im vergangenen Jahr gerade in den USA stark zugesetzt hat, gibt es schon länger Android-Unterstützung. Es ist übrigens auch nicht Microsofts erster Ausflug in diese Richtung: Schon vor einigen Jahren arbeitete die Firma unter dem Namen Astoria an Android-Support – damals allerdings noch mit dem Fokus auf Windows 10 Mobile und der fernen Hoffnung, diesem damit neuen Schwung zu verschaffen. Astoria wurde allerdings 2016 eingestellt, ein Schicksal, das dem aktuellen "Project Latte" erspart bleiben sollte.

Eine Android-App unter Windows 11.
Screenshot: Microsoft

Oberflächliche Anpassungen

Android-Apps sollen sich nahtlos in den Windows-Desktop integrieren, verspricht Microsoft. So sollen sie nicht nur samt dem passenden Icon direkt neben Windows-Anwendungen in der Programmliste zu finden sein, es werde auch möglich sein, sie an den Taskbar zu pinnen. Vor allem aber sollen sie sich wie normale Windows-Fenster anfühlen, also auch in der Größe frei anpassbar sein.

An der Stelle dürfen dann schon einmal die ersten Zweifel an diesen Versprechungen gehegt werden, denn wenn die Android-Geschichte eines lehrt: Mit der Unterstützung großer Bildschirme haben es die App-Entwickler nicht so. Solange das aber nicht passiert, wird die Realität bei vielen Programmen ganz anders aussehen: Apps, die im Smartphone-Design etwas fremd am Desktop wirken und sich maximal in ihrer Größe skalieren lassen. Das ist auch keine Spekulation, sondern von Chrome OS her bereits wohlbekannt, daran wird auch Microsoft nichts ändern können. Dass man bei der Präsentation dann ausgerechnet eine App – in dem Fall Tiktok – wählte, bei der dieses Realität sehr deutlich zu sehen ist, ist irgendwie passend.

Amazon statt Microsoft

Zur Verfügung sollen Android-Apps direkt über den Microsoft Store stehen, wobei das genau genommen nur halb stimmt. Zwar wird es möglich sein, Android-Apps dort aufzuspüren, in der Realität bildet der Microsoft Store in dem Fall aber nicht viel mehr als eine bessere Suchoberfläche. Für das eigentliche App-Angebot greift man nämlich auf den Android Store von Amazon zurück. Zu diesem Zweck entwickelt Amazon eine eigene Windows-Version seines Stores, die für die Auslieferung der Apps zuständig ist. Das heißt auch: Ein eigenes App-Angebot im Microsoft Store baut der Windows-Hersteller genau genommen nicht auf.

Klingt kompliziert, Microsoft versucht dieses Zusammenspiel aber so einfach wie möglich zu gestalten. Laut einem Interview des "Wall Street Journal" mit Microsoft-Chef Satya Nadella soll der Amazon App Store beim ersten Versuch, eine Android-App unter Windows 11 zu installieren, zur Einrichtung angeboten werden. Bei weiteren App-Installationen sollen die Nutzeranfragen dann aber direkt weitergereicht werden. Trotzdem sei noch einmal betont: Die Android-Apps werden komplett von Amazon abgewickelt. Das heißt auch: Ein Amazon-Konto ist für die Nutzung dieses Features unerlässlich. Zudem werden sämtliche Bezahlvorgänge über Amazon abgewickelt, was wiederum bedeutet, dass der Onlinehändler bei App-Käufen mitverdient.

Nahtloser Übergang? Eher nicht

Im Rahmen der Windows-11-Präsentation bewarb Microsoft den Android-Support recht vollmundig: Dieser werde einen nahtlosen Übergang zwischen Smartphone und Desktop erlauben, indem man einfach dieselbe App auf beiden Systemen verwenden kann. Bei näherer Betrachtung ist Microsofts Versprechen aber eher gewagt. Das hat mehrere Gründe, der wichtigste: Die Nutzung des Amazon App Stores bedeutet, dass viele von Android-Smartphones gewohnte Apps hier gar nicht laufen werden. Das Amazon-Angebot ist nämlich erheblich kleiner als jenes der Google Play Stores, der zumeist auf Android-Smartphones zu finden ist. Und das, was da ist, ist oft grob veraltet, weil die Entwickler irgendwann einmal eine Version ihrer App veröffentlicht, aber dann nie mehr aktualisiert haben.

Vor allem aber stellt die real existierende Abhängigkeit der Android-Welt von Google-Services ein echtes Problem dar – oder wie man es auch nennen könnte: das Huawei-Dilemma. Der Play Store ist nämlich nicht nur ein App Store, rundherum gibt es ein Sammelsurium an Google-Diensten, die von einem Großteil aller Android-Apps genutzt werden. Fehlen diese, läuft die betreffende App schlicht nicht oder macht zumindest Probleme. Amazon bietet zwar Alternativen für all diese fehlenden Dienste – von Push-Benachrichtigungen bis zu Karten- und Standortdiensten – an, deren Integration stellt aber einen Extraaufwand für App-Entwickler dar, und darum schrecken viele vor einem solchen Schritt zurück.

Doppelt gekauft

Dazu kommt noch ein zweites Problem: Die App Stores von Google und Amazon haben natürlich keinerlei Verbindung. Wer sich also eine App am Smartphone kauft und diese dann am Desktop nutzen will, der muss sie sich noch einmal kaufen – bei einem anderen Anbieter. Eine Situation, die so manchen Nutzern, die schon einmal von Android zu iOS oder umgekehrt gewechselt sind, bekannt vorkommen dürfte. An dieser Stelle sei eine kleine Randbemerkung erlaubt: Dieses Problem wäre übrigens eines, das sich hervorragend für einen Eingriff der Regulierungsbehörden eignen würde. Immerhin ist dies ein massiver Lock-in-Faktor.

Android-Apps werden zwar direkt im Microsoft Store zu finden sein, die Installation und die Verwaltung des Angebots übernimmt aber Amazon.
Grafik: Microsoft

Die Softwarebasis

Kommen wir zur technischen Umsetzung, also zur Frage: "Wie geht das überhaupt?" Microsoft hat hierzu ein eigenes "Windows Subsystem for Android" entwickelt, das – der Name verrät es bereits – wiederum frühere Entwicklungen rund um das "Windows Subsystem for Linux" (WSL) nutzt. Immerhin stellt der mit WSL2 mitgelieferte Linux-Kernel bereits die halbe Miete dar, bildet ein solcher doch auch die Grundlage für Android.

Auf Basis des Linux-Kernels läuft nun eine virtuelle Maschine, in der wiederum ein Android-Framework zu finden ist, das zur Ausführung der Android-Apps genutzt wird. Dadurch laufen Android-Apps also strikt vom Windows-System isoliert, der Zugriff auf die Hardware des PCs wird über fixe Schnittstellen abgewickelt. Klingt alles nicht nur wohldurchdacht, sondern auch ziemlich genau so, wie Chrome OS den Android-Support aktuell ebenfalls organisiert. Abzuwarten bleibt, wie umfangreich die Unterstützung für lokale Hardware dann in der fertigen Version von Windows 11 ist. Microsoft spricht jedenfalls von einem breiten Support – vom Touchpad bis zu Bluetooth-Geräten.

ARM vs x86

Es gibt aber noch ein weiteres interessantes Detail: Android-Apps sind üblicherweise für ARM-Prozessoren gedacht, also eine komplett andere Architektur, als es das am PC vorherrschende x86 / x86_64 ist. Um entsprechende Apps überhaupt lauffähig zu machen, holt sich Microsoft Hilfe von Intel. Dessen Intel Bridge genannte Technologie ermöglicht die Ausführung von für ARM-Chips entwickelten Apps am Windows-Desktop. Dabei sollte man sich übrigens nicht vom Namen verunsichern lassen, das Ganze funktioniert sowohl mit Intel- als auch AMD-Prozessoren.

Genau genommen ist das aber nur die zweitbeste Option, für optimale Performance empfiehlt Microsoft Android-Entwicklern nämlich, künftig auch eine eigene x86-Version ihrer App in den Amazon App Store hochzuladen. Eine solche native Lösung ist natürlich immer die bessere Option als jede Form der – egal wie schnellen – Übersetzung.

Umwege

Genau hier zeigt sich aber ein zweiter Nachteil der Amazon-Wahl: In diesem sind nämlich x86-Versionen von Amazon-Apps bisher rar gesät. Bei Google Play ist das hingegen anders, dort gibt es mittlerweile den allergrößten Teil der Apps auch in x86-Ausgaben. Einfach weil Google über seine Entwickler-Tools seit Jahren automatisch unterschiedliche Versionen kreiert. Wer diese nutzt, erhält x86-Ausgaben also in vielen Fällen ohne weiteres Zutun. Für alles andere gibt es übrigens auch bei Chrome OS eine automatische Konvertierung des ARM-Codes – das Ganze ist aber eben nur selten notwendig.

Sideloading

Der Einsatz des Amazon App Stores ist allerdings nicht alternativlos. Wie Microsoft-Entwickler Miguel de Icaza, der in früheren Jahren das Linux-Desktop-Projekt Gnome gegründet und jetzt am Android-App-Support gearbeitet hat, soll nämlich Sideloading möglich sein. Das heißt, dass man Apps auch manuell installieren kann, selbst die Einrichtung anderer App Stores sollte auf diesem Weg möglich sein. Mit etwas Bastelei wäre sogar die Nachrüstung des Google Play Stores und all seiner umgebenden Dienste denkbar. Bevor hier allzu große Begeisterung aufkommt: Die Huawei-Erfahrung zeigt, dass dies nicht immer reibungslos läuft. Zudem hätte Google theoretisch diverse Möglichkeiten, solche Bestrebungen zu blockieren – oder zumindest so mühsam zu machen, dass sie für die breite Masse uninteressant werden.

Fazit

Der Android-Support für Windows 11 präsentiert sich angesichts der aktuell vorliegenden Informationen als ziemlich ambitioniertes Unterfangen. So erfreulich die zusätzliche Vielfalt generell für die Nutzer ist, so nachhaltig sind auch die Zweifel daran, wie gut das dann in der Praxis selbst funktionieren wird. Für die Nutzer besteht hier jedenfalls vor allem durch die Wahl von Amazon als Partner einiges Frustpotenzial.

Aber es gibt auch eine andere, wesentlich positivere Perspektive. Viele der beschriebenen Defizite sind nämlich eine direkte Konsequenz des Status quo der Android-Welt. Vielleicht ist es also gerade das Engagement von Microsoft, das hier frischen Wind bringt. Also etwa dazu führt, dass der Amazon App Store zu einer wirklich brauchbaren Alternative zu Google Play wird – oder auch generell die Abhängigkeit des Android-Ökosystems von Google reduziert. Und wer weiß, vielleicht überzeugt der Windows-Support endlich Android-Entwickler davon, sich um größere Bildschirmgrößen zu scheren – ein Unterfangen, an dem Google seit Jahren scheitert.

All das ist freilich eine recht langfristige Perspektive – mit unsicherem Ausgang. Für die Nutzer wäre es insofern ehrlich gesagt besser, Microsoft und Google würden sich zusammenraufen und den Play Store in Windows 11 integrieren. Woran das scheitert, ist von außen nur schwer zu sagen. Immerhin hätte ein solcher Schritt für beide Seiten naheliegende Vorteile: Microsoft hätte einen deutlich umfassenderen Android-Support, während Google noch mehr Nutzer für seine Plattform gewinnt. Im Endeffekt wird es wohl daran scheitern, dass die beiden Firmen jeweils Angst davor haben, dem Gegenüber zu viel Einfluss über die eigene Plattform zu geben.

Aber wie gesagt: Vielleicht ist das auf Sicht ohnehin besser. Fürs Erste bekommen die Windows-Nutzer so aber eine ziemlich bruchstückhafte Android-Unterstützung. (Andreas Proschofsky, 1.7.2021)