Es ist Feuer am Dach, wenn wir uns in der Freizeit nur noch "ausruhen" können, an freien Tagen kaum mehr anderes möglich ist, als stundenlang mit der Couch zusammenzuwachsen.

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Als es noch ganz selbstverständlich war, an jedem Arbeitstag ins Büro zu gehen, waren nicht nur allerlei private Utensilien und Fotos auf den Schreibtischen zu finden, sondern es war auch üblich, dass sich die Bürogemeinschaft durch kleine Spruchzettelchen quasi im Widerstand gegen die Führungskräfte zusammenschweißte. "Wer sich in der Arbeit einen Haxen ausreißt, der muss in der Freizeit humpeln", war etwa so ein Knaller.

Irgendwie wirkt das in Zeiten von Homeoffice und der damit einhergehend zweifellose sehr angenehmen Flexibilität, aus der dennoch eine Grenzenlosigkeit von Arbeit und Freizeit folgt, schon recht antiquiert. (Workaholics und Karriere-Afficionados fanden solche Sprüche schon immer unlustig, okay, akzeptiert.)

Aber: Wenn fast jede Struktur einer Trennung fehlt und ich meinen Job wirklich liebe, das Gefühl von Wirksamkeit, Sinn und Freude habe – wie merke ich dann, dass ich wirklich überziehe? Ich habe das kürzlich mit einer Kollegin, die ihren Job auch in ungewöhnlicher Weise liebt, diskutiert. Ratgeberliteratur dazu ist reichlich vorhanden, die tausenden guten Tipps haben uns nicht wirklich zufrieden gemacht.

Mit der Couch zusammenwachsen

Nach langem Hin und Her (und zusammen fast 60 Jahren Berufserfahrung) sind wir beim guten alten Bürospruch vom ausgerissenen Haxen gelandet: Es ist Feuer am Dach, wenn wir uns in der Freizeit nur noch "ausruhen" können, es an freien Tagen kaum mehr möglich ist, als stundenlang mit der Couch zusammenzuwachsen.

Wenn wir Einladungen vor besonders stressigen Arbeitstagen am Vorabend ablehnen und uns lieber vorbereiten. Wenn uns die Fernbedienung häufig näher ist, als mit Freunden wandern zu gehen. Wenn wir tagsüber alle Lieben kurz abwürgen am Telefon – so wir überhaupt abheben. Wenn wir immer öfter schon ganz früh in der Früh Listen und Zettelchen schreiben und alle To-dos mit Ziffern ihrer Wichtigkeit versehen und herumschieben, was sicher nicht geschoben werden sollte – etwa die Pause, um Essen zu holen oder kurz raus zu gehen.

Da reißen wir uns, da sind wir uns einig, einen Haxen zu viel aus. (Karin Bauer, 16.8.2021)