Auf mehreren TV-Kanälen läuft derzeit regelmäßig ein Werbespot für eine rezeptfreie Pille gegen Erektionsprobleme. Was ein sympathisch aussehender Mann hier anpreist, ist ein homöopathisches Mittel, zehntausendfach verdünnt und daher, außer einem möglichen Placeboeffekt, völlig wirkungslos. Das steht dem Verkaufserfolg wohl nicht im Weg, denn in Österreich hat die sogenannte Alternativmedizin besonders viele Anhänger. Hier greifen auch Menschen, die sonst wenig zu Esoterik neigen, bei Beschwerden gern zu Globuli oder Bachblüten.

Das ist angesichts der hohen Preise dieser Mittel und Behandlungen zwar oft eine Geldverschwendung, aber in der Praxis meist harmlos. Fälle wie der von Olivia Pilhar, deren Eltern ihr vor 25 Jahren eine lebensrettende Krebsbehandlung verweigerten, weil sie an die abstrusen Theorien eines rechtsextremen Wunderheilers glaubten, waren bisher die Ausnahme.

Auch Menschen, die sonst wenig zu Esoterik neigen, greifen bei Beschwerden gern zu Globuli.
Foto: REUTERS/ERIC GAILLARD

Doch in der Corona-Pandemie erweist sich die Popularität einer falschen Medizin, die auf Mythen, Aberglauben oder gar Betrug basiert, als gefährliches Phänomen. Denn neben rechtsextremer Agitation und einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber staatlicher Autorität ist es das weitverbreitete Vertrauen in Alternativmedizin, das allzu viele Menschen von einer Covid-Impfung abhält.

Fantasie oder Bauchgefühl

Es gibt legitime Gründe, Akupunktur oder Naturheilmittel bei gewissen Leiden zu probieren, wenn herkömmliche Behandlungen nicht wirken. Aber all jene, die konsequent der Homöopathie oder Bioresonanz den Vorzug geben oder blind den eigenen Immunkräften vertrauen, lehnen grundsätzlich das ab, was oft als Schulmedizin verunglimpft wird – jene Expertise, die auf wissenschaftlicher Evidenz basiert und nicht auf Fantasie oder Bauchgefühl.

Dazu gesellt sich eine Feindlichkeit gegenüber der Pharmaindustrie, die auch in vielen Medien regelmäßig für Geschäftemacherei attackiert wird, während die Produzenten von hochpreisigem Zuckerwasser glimpflich davonkommen. Wer jahrelang einer Humbug-Medizin anhängt, wird alle Impfappelle aus Wissenschaft und Politik und sogar die verzweifelten Rufe aus den Intensivstationen ignorieren.

In Österreich kommt noch die Popularität der medizinfeindlichen anthroposophischen Schule von Rudolf Steiner hinzu. Aber auch das Gesundheitswesen trägt an diesem Missstand Schuld. Unzählige Allgemeinmediziner bieten auch alternative Heilmethoden an, um so neue Patienten zu gewinnen. In Apotheken werden prominent die fragwürdigsten Pulver platziert, an denen viel mehr zu verdienen ist als an rezeptpflichtigen Arzneien. Für irreführende Werbung gibt es kaum rechtliche Hürden. Und erst 2018 wurde an der Med-Uni Wien das Wahlfach Homöopathie gestrichen.

Angesichts der katastrophalen Folgen der Impfskepsis sind Politik und Standesvertreter gefordert, hier gegenzusteuern. Die Bewerbung von Homöopathie in Apotheken und Medien muss endlich eingeschränkt werden. Die Ärztekammern müssen gegen jene Kolleginnen und Kollegen vorgehen, die verstohlen oder offen gegen die Covid-Impfung agitieren. Von denen dürfte es, wenn man den Erzählungen der Impfgegner glauben kann, viele geben. Es mag alles nett und harmlos klingen, aber die Toleranz gegenüber unwissenschaftlichen Heillehren kostet unzählige Menschenleben. (Eric Frey, 27.11.2021)