Ging es beim Züchten einer Hunderasse hauptsächlich um das Aussehen und war die Gründungspopulation klein, führt das zu einem höheren Inzuchtgrad.
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Was stellen Sie sich vor, wenn Sie an einen Hund denken? Einen rasenden Husky, einen Golden Retriever auf Kuschelkurs, einen tollenden Dalmatiner oder vielleicht einen zitternden Chihuahua? Dem Menschen ist es zu verdanken, dass es so viele verschiedene Rassen gibt, die nach bestimmten Merkmalen herangezüchtet wurden – ob es sich nun um Charaktereigenschaften, Körperform oder die Fellfarbe handelt. Dabei wurde allerdings häufig Inzucht betrieben, berichtet ein Forschungsteam im Fachblatt "Canine Medicine and Genetics". Und ein hoher Grad an Inzucht führt im Laufe der Zeit zu verschiedenen Gesundheitsproblemen für die Vierbeiner.

Vielen Menschen, die Hunde besitzen, ist bewusst, dass die kontrollierte Zucht auch massive gesundheitliche Probleme für die Tiere bewirkt hat. Dies ist bereits seit langem bekannt. Bekanntestes Beispiel dafür ist die sogenannte Brachycephalie: Sie bezeichnet kurzköpfige Rassen, die nicht nur bei Hunden vorkommen müssen – auch manche Perserkatzen sind davon betroffen. In der Hundesphäre gehören Englische und Französische Bulldoggen sowie Möpse zu anschaulichen Vertretern.

Durchschnittlicher Inzuchtgrad

Lebenslange Atemprobleme stellen für sie nur einen Punkt auf einer ganzen Liste wahrscheinlicher Gesundheitsrisiken dar. Für Cavalier King Charles Spaniels, einem beliebten Familienhund, wiesen schwedische Forschende erst kürzlich nach, dass Inzucht in der Zuchtpraxis zu einer hohen Zahl krankheitsverursachender Genmutationen geführt hat.

Beim Cavalier King Charles Spaniel sorgen zahlreiche Genmutationen dafür, dass er oft krank wird.
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Das internationale Team der aktuellen Studie wollte nun herausfinden, wie sehr sich Inzucht auf reinrassige Hundepopulation im Allgemeinen auswirkt. Dafür nutzte die Gruppe um die Veterinärgenetikerin Danika Bannasch von der University of California, Davis, eine genetische Datenbank, welche die Ergebnisse kommerzieller DNA-Tests von knapp 50.000 Hunden enthält und insgesamt 227 Rassen umfasst. Die Gruppe analysierte die durchschnittliche genetische Ähnlichkeit der Hunde innerhalb einer Rasse, um den Grad der Inzucht auf einer Prozentskala von eins bis 100 zu bestimmen.

Geschwisterliche Verwandtschaft üblich

Das Resultat: Im Durchschnitt lag der Inzuchtgrad der analysierten Rassen bei etwa 25 Prozent, was ungefähr der genetischen Ähnlichkeit zwischen zwei Geschwistern und damit Werten entspricht, die weit über dem liegen, was für Menschen oder Wildtierpopulationen als unbedenklich gilt. Beim Menschen werde ein hohes Maß an Inzucht – also in etwa drei bis sechs Prozent – mit einer erhöhten Prävalenz komplexer Krankheiten und weiterer Leiden in Verbindung gebracht, sagen die Forschenden. "Daten von anderen Tierarten in Verbindung mit einer starken Veranlagung einer Rasse für komplexe Krankheiten wie Krebs und Autoimmunkrankheiten unterstreichen die Bedeutung einer hohen Inzuchtrate bei Hunden für deren Gesundheit", sagt Bannasch.

Der Barbet zählt zu jenen Rassen, die noch relativ niedrige Inzuchtraten haben.
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Zu den Rassen mit besonders niedrigen Inzuchtraten gehörten demnach vor allem jene, die erst kürzlich eingekreuzt wurden, darunter der Tamaskan, der Barbet und der Australian Labradoodle, ebenso Landrassen wie der Dänisch-Schwedische Farmhund, der Mudi und der Koolie.

Aussehen ist nicht alles

Bannasch wurde durch ihren eigenen Hund dazu motiviert, sich mit der Populationsstruktur verschiedener Rassen zu befassen: Bannasch ist Halterin eines Dänisch-Schwedischen Farmhundes. Diese überdurchschnittlich gesunden Vierbeiner weisen einen geringen Grad an Inzucht auf, was darauf zurückgeführt wird, dass sie aus einer relativ großen Gründungspopulation stammen und der Fokus bei ihrer Zucht eher auf Funktion als auf Aussehen lag. Umgekehrt führe eine auf das Aussehen konzentrierte Selektion kombiniert mit einer kleinen Gründungspopulation zu einem höheren Inzuchtgrad und damit einhergehend bei den meisten Rassen auch zu größeren Gesundheitsrisiken, so Bannasch.

In einem zusätzlichen Schritt glichen die Veterinärgenetikerin und ihr Team die Ergebnisse mit Informationen aus einer Tierversicherungsdatenbank ab: Indem sie Versicherungsansprüche für nicht routinemäßige Tierarztbesuche als Indikator für die Gesundheit von Hunden verwendeten, fanden sie heraus, dass Hunderassen mit einem höheren Grad an Inzucht eher eine zusätzliche tierärztliche Versorgung benötigen als andere.

Gesunde kleine Hunde

Im Durchschnitt waren darüber hinaus brachycephale Rassen weniger gesund, ebenso spielte die Körpergröße der Tiere eine Rolle. "Unsere Studie hat gezeigt, dass Hunde, die kleiner sind und nicht durch Inzucht gezüchtet werden, viel gesünder sind als größere Hunde mit hoher Inzuchtrate", fasst Bannasch zusammen.

Die Forschungsgruppe schließt ihre Arbeit mit einem Plädoyer für Züchterschulungen, die Überwachung des Inzuchtniveaus durch direkte Genotypisierungstechnologien und Auskreuzungen zur Erhöhung der genetischen Vielfalt, wie sie für einige Rassen bereits durchgeführt würden. Insgesamt sei ein sorgfältiges Management von Zuchtpopulationen nötig. Wie dieses aussehen könnte, zeigt ein Beispiel der Niederlande: Dort gelten seit 2019 strenge Regeln zur Zucht brachycephaler Rassen. Mopswelpen und Co bekommen nur eine Ahnentafel vom Zuchtverein, wenn ein tierärztliches Zeugnis vorliegt. Mit diesem wird beispielsweise festgestellt, dass nicht beide Elterntiere extrem kurzschnäuzig sind. (APA, red, 8.12.2021)