Satellitenbilder wie dieses hier sollen Massengräber parallel zum Straßenverlauf zeigen.

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Zerstörung in der belagerten Mariupol am Freitag.

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Die Spekulationen über die Kriegsziele Russlands in der Ukraine haben am Freitag neue Nahrung bekommen: Der Vizekommandant des zentralen russischen Militärbezirks, Rustam Minnekajew, sprach von der Schaffung einer "Landverbindung" zur 2014 annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim – und in weiterer Folge nach Transnistrien.

Vor allem Letzteres dürfte in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau für Unruhe sorgen. Das kleine Land zwischen Rumänien und der Ukraine sah sich schon bisher erheblichem Druck aus Moskau ausgesetzt. Seit Anfang der 1990er-Jahre herrscht in der völkerrechtlich nicht anerkannten "Republik" Transnistrien im Osten des Landes ein prorussisches De-facto-Regime.

Eine weitere Erklärung Russlands sorgte am Freitag für Aufsehen: Eine Woche nach dem Untergang des Kriegsschiffs "Moskwa" hat die russische Führung ein Todesopfer eingeräumt, 27 Matrosen der etwa 500 Besatzungsmitglieder würden vermisst. Kremlkritische Medien hatten nach Gesprächen mit Angehörigen über eine deutlich höhere Zahl an Toten und Vermissten gesprochen.

Guterres trifft Putin und Lawrow

UN-Generalsekretär Antonio Guterres kündigte später am Freitag an, kommende Woche zu einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin nach Moskau zu reisen. Dort sei am Dienstag auch ein Gespräch mit Außenminister Sergej Lawrow geplant, teilte UN-Sprecherin Eri Kaneko am Freitag mit. Guterres hoffe, über Möglichkeiten sprechen zu können, der Ukraine schnell Frieden zu bringen.

Nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros häufen sich die Anzeichen für Kriegsverbrechen in der Ukraine. Die russischen Streitkräfte hätten wahllos bewohnte Gebiete beschossen und bombardiert und dabei Zivilisten getötet sowie Krankenhäuser, Schulen und andere zivile Infrastrukturen zerstört, berichtete das Büro der Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, am Freitag in Genf. Neben wahllosen Angriffen und der Verweigerung medizinischer Hilfe gebe es Hunderte Berichte über willkürliche Tötungen und auch über sexuelle Gewalt. Solche Taten kämen Kriegsverbrechen gleich.

Massengrab befürchtet

Nahe der monatelang belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol deuteten Satellitenbilder auf riesige Massengräber hin. Bürgermeister Wadym Bojtschenko sprach von bis zu 9.000 Leichen, die darin vergraben sein könnten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor von zehntausenden Toten in Mariupol gesprochen.

Der US-Satellitendienst Maxar Technologies hat Aufnahmen veröffentlicht, die in dem Vorort Manhusch ein Massengrab in der Nähe eines Friedhofs parallel zum Straßenverlauf zeigen sollen. Laut "New York Times", die die Bilder analysiert hat, gibt es dort etwa 300 ausgehobene Grabstellen. Sie sollen innerhalb von zwei Wochen im März und April angelegt worden sein, wie ein Vergleich der Aufnahmedaten gezeigt habe.

"Neues Babyn Jar"

Bojtschenko warf Russland Völkermord vor und rief die internationale Staatengemeinschaft zum Handeln auf. "Das erfordert eine entschlossene Reaktion der gesamten Welt. Wir müssen diesen Völkermord stoppen, mit allen Mitteln, die möglich sind." Dabei erinnerte er an das Massaker an rund 34.000 Juden im Tal Babyn Jar in Kiew im Zweiten Weltkrieg und sprach von einem "neuen Babyn Jar": "Damals tötete Hitler Juden, Roma und Slawen. Und jetzt vernichtet Putin Ukrainer. Er hat in Mariupol schon zehntausende Zivilisten getötet."

In einer anderen Stellungnahme sagte der Bürgermeister, die Leichen seien nach und nach von den Straßen Mariupols verschwunden, mit Lastwagen abtransportiert und in die bei Manhusch ausgehobenen Gräben geworfen worden. Er warf den russischen Soldaten vor, damit ihre Verbrechen vertuschen zu wollen.

Ukrainische Medien verglichen die Gräber mit jenen in Butscha bei Kiew, wo nach dem Abzug russischer Truppen mindestens 400 Leichen von Zivilistinnen und Zivilisten gefunden worden waren. Unabhängig konnten die ukrainischen Angaben nicht überprüft werden.

Mariupol für erobert erklärt

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte Mariupol am Donnerstag für erobert erklärt. Allerdings haben sich im Stahlwerk Asow-Stahl immer noch rund 2.000 ukrainische Kämpfer und ausländische Söldner sowie Zivilistinnen und Zivilisten verschanzt. Das russische Militär will nach eigenen Angaben eine Feuerpause ausrufen und einen humanitären Korridor zum Stahlwerk schaffen – aber nur, wenn sich die Ukrainer dort ergeben.

In der eingekesselten Stadt befinden sich laut Bürgermeister Bojtschenko noch immer rund 100.000 Zivilistinnen und Zivilisten. Dazu sagte er: "Es ist wichtig zu verstehen, dass das Leben der Menschen, die noch dort sind, in den Händen einer einzigen Person liegt – Wladimir Putin. Und alle Todesopfer, die noch hinzukommen, gehen auch auf sein Konto." (ksh, 22.4.2022)