Viele Lebensmittel werden um den halben Globus geschifft – obwohl die Produkte oft auch in Österreich gedeihen.

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Zwiebeln aus Neuseeland und Australien sorgten in sozialen Medien jüngst für Empörung. Immerhin gedeiht das Lauchgewächs auch auf heimischen Äckern prächtig. Das Gemüse aus Neuseeland legt hingegen stolze 18.000 Kilometer zurück, bevor es in Österreichs Küchen geschnippelt, gebraten oder paniert wird. Und dennoch waren Ende Juni in heimischen Supermärkten größtenteils Überseezwiebel zu finden. Im Preis spiegelt sich die halbe Weltumrundung nicht wider: Für das Gemüse aus Neuseeland bezahlt man in etwa gleich viel wie für das heimische Äquivalent. Wie geht sich das aus?

Ein Kilo Zwiebeln kostet in der Produktion in Österreich in etwa 30 Cent, die Herstellung der gleichen Sorte in Neuseeland 20 Cent, sagt der Ökonom Gabriel Felbermayr. Bei Anbau und Ernte fallen nur wenige Emissionen an, der Transport aus Neuseeland ist hingegen mit einem erheblichen Ausstoß verbunden. Die Reise per Schiff oder Flugzeug unterliegt bisher jedoch keiner CO2-Bepreisung und spiegelt die wahren Kosten daher nicht wider, erklärt Felbermayr weiter: "Nur deswegen sind neuseeländische Zwiebeln bei uns wettbewerbsfähig."

Emissionen mit einem Preisetikett versehen

Der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft spricht damit einen Punkt an, der derzeit im Wahlkampf Forderung gleich mehrerer Parteien ist: Eine wirksame Bepreisung von Treibhausgasemissionen muss her. Entsprechende Modelle gibt es einige. Neben dem bereits vorhandenen – und oft als zahnlos kritisierten – EU-Emissionshandel ist derzeit eine CO2-Abgabe in aller Munde.

Seit langem wird auf EU-Ebene auch über einen Zusatzmechanismus diskutiert: einen sogenannten Klimazoll. Felbermayr lehnt den Begriff ab und plädiert für "Grenzausgleich": "Ein Zoll impliziert ja immer Diskriminierung – genau das soll verhindert werden."

Die Idee klingt gut – etwa auch für ÖVP-Chef Sebastian Kurz, der sie in den jüngsten TV-Debatten eingebracht hat. Der Schönheitsfehler dabei: Für die Umsetzung bräuchte es jedenfalls eine EU-weite Lösung.

Gleicher Preis für alle

Wie würde ein solcher Grenzausgleich im Idealfall funktionieren? Basis dafür ist ein bereits existierender CO2-Preis innerhalb der EU – entweder in Form des Emissionshandels oder einer CO2-Steuer, erklärt Margit Schratzenstaller, Ökonomin am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Waren aus dem EU-Ausland würden also gleichermaßen mit einem Emissionspreis belastet wie Waren, die innerhalb der Union produziert werden. Exporte müssten dabei von der Zusatzbepreisung ausgenommen werden, diese Güter würden im Ausland besteuert werden – so es dort einen Preis auf Emissionen gibt. "Nur so ist die CO2-Bepreisung international wettbewerbsneutral", meint Felbermayr.

Ein Grenzausgleich könnte sicherstellen, dass Anstrengungen, das Klima zu schützen, nicht durch Verlagerungseffekte konterkariert werden.
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Dieses Argument könnte auch Wettbewerbshüter der Welthandelsorganisation WTO zufriedenstellen. Laut Schratzenstaller herrscht zumindest in der Wissenschaft ein breiter Konsens darüber, dass ein Grenzanpassungssystem durchaus WTO-kompatibel gestaltet werden könnte.

Der Grenzausgleich hätte nach Ansicht der Experten gleich zwei Vorteile: Zum einen wäre sichergestellt, dass Anstrengungen, das Klima zu schützen, nicht durch Verlagerungseffekte konterkariert werden, erklärt Felbermayr. Es kann also vermieden werden, dass die Industrie aufgrund von strengeren Umweltauflagen in Länder mit laxeren Regelungen abwandert. Diese Befürchtung wird in der Diskussion um eine nationale CO2-Steuer oft ins Spiel gebracht.

Milliarden für den EU-Haushalt

Ein zweiter gewichtiger Faktor sind die Mehreinnahmen, die direkt ins EU-Budget fließen könnten, sagt Schratzenstaller. Dadurch könnten die Beiträge der einzelnen Mitgliedsstaaten "beträchtlich" gesenkt werden.

Ein CO2-Grenzausgleich würde laut Wifo-Expertin Schratzenstaller Milliarden ins EU-Budget fließen lassen.
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Um den Effekt eines Grenzausgleichs in Zahlen zu gießen, hat die Ökonomin verschiedene Szenarien errechnet: Manche davon hält die Expertin auf lange Sicht für "völlig unrealistisch". Beispielsweise jenes, in dem die Forscher von einem konstant bleibenden Ausstoß bis 2050 und einer umfassenden Emissionsbesteuerung ausgegangen ist. In der "bescheidensten Variante" wurden hingegen nur Treibhausgase aus dem zur Produktion der importierten Güter benötigten elektrischen Strom herangezogen. Bei einer sinkenden CO2-Intensität würden allein dadurch im Jahr 2050 290 Milliarden Euro ins EU-Budget fließen. 2027 könnte laut der Ökonomin fast ein Drittel des EU-Budgets so finanziert werden.

Fußabdruck oft nur schwer darstellbar

Von einer solchen Maßnahme wären natürlich nicht nur Lebensmittel betroffen, sondern sämtliche Importe in die EU – von Smartphones bis hin zu Stahl. Derzeit gibt es noch Unklarheiten darüber, wie der ökologische Fußabdruck von Produktionsaktivitäten erfasst werden soll. Für eine Bepreisung nach Emissionen in der Stromerzeugung würde die Datenlage bereits ausreichen, sagt Schratzenstaller. Für Detailauswertungen einzelner Produkte müsse man "sich noch ein paar Gedanken machen". Es könne jedenfalls Pauschalen je nach Gütergruppe oder Branche geben. Ein weiterer offener Punkt ist der "adäquate" Preis für das Emittieren einer Tonne CO2-Äquivalent. Im EU-Emissionshandel liegt der Preis derzeit bei rund 25 Euro je Tonne. Wissenschafter sind sich weitgehend einig, dass der Preis bis Mitte des Jahrhunderts kräftig steigen muss, um die von der EU angestrebte Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen.

Und was würde das für die Zwiebel aus Neuseeland bedeuten? Genau lässt sich der Preisunterschied pro Kilo nur schwer errechnen. Gerade bei Produkten mit wenig Wert pro Gewichtseinheit würde ein CO2-Preis von beispielsweise 50 Euro je Tonne den Import über weite Distanzen laut Felbermayr jedenfalls "völlig unattraktiv machen". (Nora Laufer, 7.9.2019)