Zwei Japaner bei einem Date im Lokal: Analoge Treffen schaffen Distanz und digitale Treffen eine neue Art von Nähe.

Foto: Reuters / Kim Kyung-Hoon

Von der österreichischen Band Bilderbuch gibt es einen Song, dessen Text mir früher ziemlich insignifikant vorkam; mit der Corona-Krise hat sich plötzlich die darin schlummernde Bedeutung erhoben. Der Titel lautet Gibraltar, von Kanada ist die Rede, zwei beliebige Namen von fernen oder wenig bekannten Ländern. "Distanz / Long Distanz." Die zwei, du und ich, waren sich "so rasend nah", und jetzt die Distanz. Der oder die andere sagt: "Wir haben Internet", darauf der oder die eine: "Was ist das Internet?"

Gute Frage: Das Internet, was ist das schon. Seit langem nennt es sich sozial, und jetzt haben optimistische Zeitgenossen entdeckt, dass der neue Abstand zwischen uns allen eh nur körperlich ist, nicht sozial. Wunderbar, Gesellschaft geht weiter, sie wandert ab in den virtuellen Raum, kein Problem. Besser so, endlich werden kommunikationstechnologische Möglichkeiten ausgeschöpft. Schulen und Universitäten unterrichten online, man arbeitet zu Hause, muss die unliebsamen Exemplare der Kollegenschaft nicht mehr riechen, sich nicht in Hörsälen drängen …

Aber rasende Nähe? Die gehört der Vergangenheit an. Dating, Partner kennenlernen, zum Sex oder was auch immer: Das macht man per App, auf Berührung kann man verzichten, und wer nicht verzichten kann, berührt sich selbst, konsumiert Pornoseiten, die schon längst einen Großteil des Klick- und Geschäftsaufkommens im Internet steuern und nun noch einmal an Kundschaft zulegen können.

Die Spaltung in kommerziell-virtuelle Sexualisierung und reale (fälschlich: analoge) Moralisierung wird noch einmal vertieft. Zwei Lieblingsthemen der Massenmedien sind plötzlich von der Bild- und Textfläche verschwunden: Ausländer und #MeToo. Reisebeschränkungen, Grenzschließungen finden in der Bevölkerung annähernd totale Zustimmung, denn wer will schon an der neuen Krankheit sterben. Und Grapschen, unerwünschte Komplimente und sonstiges Anbandeln sind bei einem Meter Mindestabstand schwierig geworden. Stay at home! Keep your distance!

Die neue Nähe, die entsteht

Seit vier Wochen gebe ich an einer japanischen Universität Online-Sprachunterricht. Das war für mich neu und zunächst einmal interessant. Am meisten überrascht hat mich nicht die Distanz, sondern die Nähe, die da entsteht. Meistens halte ich mein Gesicht dreißig Zentimeter vor die Kamera, die Hälfte des Mindestabstands im realen Leben, und die meisten Studenten tun das ebenfalls.

In aller Ruhe kann ich die Gesichter mustern, das jeweilige Gegenüber merkt es wahrscheinlich nicht, ich könnte ja ein anderes Gesicht ins Visier fassen. Das hat fast etwas Schamloses, und da mir mein anerzogenes Schamempfinden erhalten geblieben ist, vermeide ich es sogar unter diesen Umständen, allzu direkt in die Gesichter hineinzusehen. Distanz, bitte, auch online!

Wenn ich so erzähle, beziehe ich mich auf Seminare mit fünf bis zehn Studenten. Ich habe aber auch eines mit vierzig, kaum motivierte Anfänger, die ich jetzt, zu Semesterbeginn, noch überhaupt nicht kenne. Ihre Gesichter kann ich nicht sehen, bei der gegenwärtigen Technologie scheint es ausgeschlossen, dass da eine Gruppendynamik entsteht und ich mit dem oder der in näheren Kontakt treten kann, ohne die anderen ganz aus den Augen zu verlieren. Hielte ich eine Vorlesung, kein Problem; ich kenne das vom Radio, man redet zu einem Publikum, das man nicht sieht.

In den kleineren Gruppen hingegen entsteht eine neue Art von Vertrautheit. Die Kommunikation ist vielfältiger geworden, es gibt mehr Fäden, mehr Verbindungslinien, Chats und E-Mails, erstaunlicherweise reden die Studierenden auch untereinander, obwohl sie einander nicht sehen. Besonders tun sie das, wenn ich vom Bildschirm verschwinde und aus dem Zimmer gehe. Ich bin von der Toilette auf leisen Sohlen zurückgekehrt und habe eine Weile schräg auf den Bildschirm geguckt und dem Gespräch zugehört. Didaktische Methode, die ich allen Lehrenden empfehlen kann: einfach verschwinden!

Fehlende Sinnlichkeit

Trotzdem fehlt mir etwas: die Sinnlichkeit. Die Möglichkeit, jemanden zu berühren. Nicht durch Grapschen, sondern durch meine Präsenz. Und natürlich berührt zu werden. Wie meine Tochter sagt, die kein Interesse zeigt, mit ihren Freundinnen zu zoomen: "Es ist nicht dasselbe!" Online sind die anderen nicht präsent, sie sind Gespenster. Ich rede mit Gespenstern, die mir im Lauf der Zeit vertraut werden.

Im Sprachunterricht zeige ich manchmal Dinge, zum Beispiel einen Apfel. Vor dem Unterricht habe ich ihn gegessen, nur zur Hälfte, weil ich dann online gehen musste. Spontan habe ich den halben Apfel gezeigt, nahe an der Kamera, nahe an den Augen dort, aber es war nicht dasselbe, der Speichel war nicht mitteilbar – zum Glück in der Corona-Situation. Ceci n’est pas une pomme. Es ist nicht dasselbe, weder analog noch digital. Nur real hat der Apfel seine sinnlich erfahrbare Identität. Dasselbe gilt für die Menschen.

Mir fehlt, um es kurz zu sagen, der Raum. Die Luft, die wir gemeinsam atmen, in virenfreien Zeiten. Ich bin im Bildschirmgefängnis, meine Gegenüber sind nicht körperlich da – Physical Distance –, selbst wenn ich, das Notebook in der Hand, im Zimmer herumginge, es wäre nicht dasselbe, und dieses virtuelle Herumgehen würde die Zuseher auf der anderen Seite verwirren.

Wie bei Leuten, die Tango oder eine andere körperliche Aktivität mit gehobenem Schwierigkeitsgrad durch Video-Lektionen erlernen wollen: Das Wesentliche begreift man auf diese Art nicht. Man kann es nicht greifen, nicht spüren, nicht atmen.

Eine andere, mutierte Welt

Dennoch finde ich das alles interessant, die neue Nähe. Vielleicht kann man in einer coronafreien Zukunft beides mischen, abwechseln, reale und virtuelle Klassen zum Beispiel. Die Kommunikationstechnologie könnte in einer ferneren Zukunft soweit optimiert sein, dass noch viel mehr Simulation möglich wird. Raumsimulation, sogenanntes 3D, wie wir es vom Kino kennen? Ich muss gestehen, dass ich dessen Reiz nie verstanden und die Zweidimensionalität im Kino aufregender gefunden habe als die mir sich nicht erschließende 3D-Illusion. Zu viel Simulation ist nicht gut, dachte ich, ohne nachzudenken.

Wir alle müssen uns ändern. So wird vielleicht eine Menschenwelt entstehen, eine andere, mutierte Welt, in der wir nur noch im Telemodus unterwegs sind, oder eher: sitzen und stehen. Wie Peter Weibel unlängst wieder einmal so wortreich schrieb und postulierte: vom Fernsehen und Fernsprechen zur Fernarbeit, zum verbindlich gewordenen Fernstudium, zur Fernbeziehung zwischen Lebensabschnittspartnern, zum virtuellen Museum, zur Online-Videothek, zu Gespensterspielen im Sport, zum 3D-Sightseeing zu Hause (endlich keine Touristenmassen!), zu Telekonzerten und Teleshopping, wobei man Waren, die man nicht ausdrucken kann, durch Drohnen apportieren lässt. Alles tele, Mann! A safer world.

Dennoch vermissen wir die Nähe. Peter Weibel vielleicht nicht, viele andere schon, zum Beispiel Patrick Boucheron, jener französische Historiker, der aus dem Corona-Drama folgende Erkenntnis zieht: "Wenn man noch Zweifel haben konnte, dass wir in der Welt leben und dass sie in uns eindringt, dann ist damit jetzt Schluss." Auf Dauer werden wir in der bloßen Distanz nicht überleben können.

Ein Hin und Her

Und was hat das alles mit Schopenhauer zu tun? Vor 170 Jahren veröffentlichte der Philosoph eine Fabel unter dem Titel Die Stachelschweine. Sie wurde weltweit berühmt und in Schulbücher aufgenommen. Auch in Japan, wo die meisten die Fabel als "Stachelschwein-Dilemma" kennen. Ein Dilemma zeigt Schopenhauer nicht, er erzählt eine Geschichte, ein Hin und Her, bei dem sich sehr wohl eine Lösung abzeichnet. Genau besehen sogar zwei.

Den Stachelschweinen wird im Winter kalt, sie drängen sich an Ihresgleichen, spüren die Stacheln, entfernen sich wieder. Im Prozess der Zivilisation gelingt es immer wieder, einen mittleren Abstand zu erreichen: "Keep your distance!" rufen die in Schopenhauers Augen besonders gesitteten Engländer den Frechdachsen zu. Um die Corona-Krise zu lösen, müssen wir den rechten Abstand herausfinden: Einerseits darf man gesellschaftliche Geflechte nicht radikal zerstören; andererseits geht es für viele Mitglieder dieser Gesellschaft ums Überleben.

Die Pädagogen unterschlagen meist den letzten Satz der Fabel, in der Schopenhauer seinen misanthropischen Zug verrät und eine zweite Lösung vorbringt: Wer über eine reiche innere Welt verfügt, der bleibt am besten ganz aus der Gesellschaft weg, in unverbrüchlicher Distanz. Das will man Heranwachsenden lieber nicht empfehlen. Oder doch? Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise sah es so aus.

Von Karl-Markus Gauß höre ich, dass sein 2019 erschienenes Buch Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer ein Jahr später einen regelrechten Corona-Boom erlebt. Wahrscheinlich halten viele das Buch für einen Ratgeber, der ihnen hilft, die Schwierigkeit, ruhig in ihrem Zimmer zu bleiben, zu überwinden.

Schopenhauers Stachelschwein

In einer meiner Online-Klassen habe ich die Stachelschwein-Fabel besprochen. Es gab unterschiedliche Stellungnahmen dazu, doch ein junger Mann, der nach meinem (distanzierten) Eindruck das Zeug zum Philosophen haben dürfte, sagte klipp und klar, dieser Text sei Schopenhauers Stachel. Ich glaube, er hat recht: Der einsame Denker in seinem Elfenbeinturm – eine Existenzform, die inzwischen jeder kennt – schwebt über den geschichtsträchtigen Mühen, eine halbwegs erträgliche Gesellschaft zu konstruieren. Die Masse und ihre Pädagogen ziehen es vor, dem Text seinen Stachel zu ziehen und sich mit dem Rat zum Goldenen Mittelweg zu begnügen.

Freilich, auf dem Höhepunkt der Corona-Krise haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Zum leibhaftigen Stachel wurden jene, die sich über Versammlungsverbote und Maskenpflicht hinwegsetzten. Wer nicht im Elfenbeinturm blieb, mutierte zum Außenseiter. (Leopold Federmair, 16.5.2020)