Schaffen wir gemeinsam ein Bündnis der Willigen, fordert der Schauspieler Cornelius Obonya im Gastkommentar.

Nach den Bränden im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos schlafen Menschen auf der Straße.
Foto: Reuters / Alkis Konstantinidis

Diese letzten Tage. Endlich brennt es, das Lager, die Schande Europas, der lähmende Gedankenstrich am Ende jedes Satzes, der jemals über die geflüchteten Menschen der letzten fünf Jahre gesprochen wurde. Die institutionalisierte Tatenlosigkeit der Gemeinschaft der Un-Gläubigen an Europa, niedergelegt im Feuer der Ratlosigkeit.

Der Ascheregen wird sich auch wieder legen. Was soll’s? Die Seele Europas ist darunter beerdigt. Die Gutmenschen "schreien" ja nur, der pragmatische Realzynismus wird sie schon wieder auf Linie bringen, wenn der Urin aus den Latrinen des Lagers durch die rotbeteppichten Gänge der Macht zu fließen droht. Ihr werdet sehen, wie gut wir zu euch sind, wir nehmen euch das Mitgefühl, wir belehren euch, dass man anderen nicht einfach hilft.

Das Maß setzt die Truppe der kontrollierten Nachricht und vornedran der junge Herr, der von allen geliebt werden will. Ich kämpfe für euch, bis zum letzten Geflüchteten. Ihr müsst nicht mehr die Blauen wählen, ich habe die eigenen Reihen umgefärbt, das war ganz leicht. Drum wählt immer mich, mich, ich.

Verbrannte Erde

Die "kontrollierte Nachricht" wird euch schon Moria lehren, dass man den Menschen als nichts anderes sieht als einen Kollateralschaden der unterlassenen Hilfeleistung. Das Volk der Philosophen wird es schon richten mit unseren Decken und mit unseren Zelten und mit unserm bisserl Geld. Dann werdet ihr merken, dass man nicht ungestraft gutmenschlich ungestüm die "deemotionalisierte" Etikette der Republik stört.

Am Mittwochabend hat der Herr Außenminister uns den Teufel an die Wand gemalt – mit einem noch glühenden Stück Kohle aus Moria: Pull-Effekt! Was, der ist gar nicht bewiesen? Wie bitte, sogar widerlegt? Ach was, die Stammtisch-Logik zieht! Bumsti und aus! Moria wird sich nicht gleich wieder füllen, wenn wir die Menschen jetzt von der Straße retten, denn Moria existiert bereits nicht mehr! Moria ist nur noch verbrannte Erde – ebenso wie das, was von unseren Seelen übrig sein wird, wenn wir so weitermachen.

Das neue Himmelblau

Türkis ist das neue Himmelblau, das sie euch herunterlügen. All das geht nicht ohne Angst – deemotionalisiert natürlich. Stellt euch gefälligst vor: Lastwagentonnen von geschleppten Untoten grüßen euch aus der Ferne des Ozeans, mit jedem Schiff, das kommen wird, unweigerlich, werdet ihr eurer selbst nicht mehr sicher sein. Eure Arbeitsplätze werden aufgesogen werden von den leeren Lungen der Andersriechenden, Andersseienden, Andersausländischen, aufgesogen, während sie eure Frauen vergewaltigend verachten. Oder so ähnlich.

Und wo seid ihr jetzt bitte schön, ihr Granden der ehemaligen Partei der christlichen Mitte? Seid ihr schon rechts von Bord gekippt? Der junge Herr fährt mit euch Geilomobil. Wie lange seht ihr noch zu? Was ertragt ihr noch?

Die Macht hat gewonnen, die Macht bleibt, nur sie. Die grünen Prozente der Regierung sind ratlos. Wie all dem begegnen und doch gestalten wollen?

Final Verzweifelte

Nun haben die Menschen in Moria den Tatenlosen den Gefallen getan, final verzweifelt, das Streichholz zu zünden, das sie an die achselzuckende Gleichgültigkeit halten. Auf dass sie lichterloh brenne und euch lehrt, dass dieser Staat nicht zu lernen gewillt ist – unter unserer jungen, feschen, karrieregeilen Ägide. Die Corona der Mitmenschlichkeit ist am Verblassen.

Denn wenn man Decken und Zelte und ein wenig Geld ins Südliche schickt, dann sieht man die Menschen nicht mehr, weil die sind ja dann unter der Decke. Hilfe vor Ort, so geht das. Und wenn man sie dann fragt, wie sie’s denn halten mit dem Zynischen, dann setzen sie sich hin und deemotionalisieren die Debatte und rationalisieren die Vernunft der anwachsenden Kritik. Und pragmatisieren die Propaganda final. Das kann’s nicht sein, bitte!

Mut haben

So, es reicht. Genug fremdgeschämt vorm abendlichen Fernseher. Lasst sie rechts liegen, die realistisch-rationalisierten Nationalpragmatiker. Denkt. Kümmert euch um Menschen wie Menschen. Das will ich. Und viele andere wollen das auch. Denn: So sind wir nicht – und so schon gar nicht! Habt wieder Mut und gebt ihn weiter! Lasst euch nicht verängstigen. Schaffen wir gemeinsam ein Bündnis der Willigen! Denn ich will, dass diese Welt für möglichst viele Menschen besser wird, ich will sehen, wo meine Hilfe helfen kann. Blamieren wir uns nicht mit unseren Decken und Zelten – denn schon morgen könnte ein Bündnis der Helfenden uns überholen und beschämen.

Wir müssen unseren Politikern eine Vision der Menschlichkeit abverlangen, denn "wir können uns diese Humanität leisten". Wenn das aus dem Mund des CDU-Politikers Norbert Röttgen, der nun auch nicht zu den "Linksüberholern" zählt, ohne den leisesten Zweifel kommt, wenn selbst Markus Söder und selbst Mark Rutte sofort helfen wollen, dann sehen wir leider, wo wir schon stehen.

Hört auf zuzusehen. Hört auf, Angst zu haben. Hört auf. Euer Sohn in Moria? Eure Tochter im Schlamm? Eure Mutter auf der Straße? Quo vadis, Europa und Österreich? Vergesst nicht, woher ihr kommt, dann vergesst ihr nicht, wohin ihr geht. Hier: #144, www.courage.jetzt (Cornelius Obonya, 12.9.2020)