Weiß ist also das neue Schwarz. Ich sage das wertfrei. Obwohl mir vor ein paar Monaten der Österreich-Manager einer der größten Laufschuhmarken (nein, nicht Nike) erklärte, ich sei "halt ein Oldschool-Läufer".

Schließlich hätte ich gerade das Falsche gesagt: Ich hatte mich dazu bekannt, längere oder schnellere Läufe immer noch mit reduzierten, dünnsohlig wenig gedämpften und "direkten" Schuhen zu laufen. Anstatt mit dem, was derzeit als "State of the Art" an den Füßen der Lauf-Weltspitze zu sehen ist: geradezu monströse Hufe nämlich.

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Nicht dass ich dem Mann widersprechen könnte. Denn wenn ein Eliud Kipchoge seinen Weltrekord über die Marathondistanz vor einem Jahr in Wien mit einem dieser fetten Teile lief, Kipchoges Spezialschuh (eine Sonderversion des Nike Vaporfly) seither Siegertreppchen großer Läufe dominiert und ein paar heimische und deutsche Spitzenläufer im Vorjahr sogar ihre Sponsorenverträge anderswo aufs Spiel setzten, um mit "camouflierten" Kipchoge-Schuhen zu laufen, wäre es vermessen, wenn einer wie ich das Gegenteil behaupten würde. Nämlich dass Carbonplatten nix bringen. Das tun sie nämlich, ganz klar.

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Warum ich trotzdem zaudere, in den Jubel einzustimmen? Wieso mich der Markenvertreter als "Old School" bezeichnet? Ganz einfach: Weil es noch gar nicht so lange her, ist, dass als "schnelle" Schuhe Schlapfen präsentiert wurden, die das Gegenteil von dem waren, was heute als Maß aller Tempodinge gilt: reduziert, ungedämpft, direkt – mit viel Straßenfeeling für den Fuß. Schuhe, die darauf ausgelegt waren, die sogenannte "Bodenkontaktzeit" möglichst kurz zu halten und den Läufer und die Läuferin so rasch wie möglich wieder in die Luft zu bringen.

Aber das war einmal. Und deshalb: Schwarz ist das neue Weiß.

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Old-School-Läufer wie ich verdrehten deshalb gerne die Augen, wenn ihnen diverse "Wunderwaffen" vor die Nase gesetzt wurden. Etwa der "Metaride" von Asics im Frühjahr des Vorjahres: "Bockhart, mit Loch und sauteuer" höhnte ich und verglich die abgerundete Sohlenkonstruktion mit den MBT-Schuhen.

Die waren um 2010 kurz als Gesundheitsschuh massiv gehypt worden und dann in den Nebeln des Zeitgeistes sehr rasch wieder verschwunden. Mit dem Fassdauben-Schuh könne man doch unmöglich laufen. Und schon gar nicht schnell. Sagte ich. Sagten auch etliche tatsächliche Auskenner, als ich den Metaride auf dem WLV-Platz im Prater herumreichte. Damals.

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Aber dass da was im Anrollen war, war irgendwie doch absehbar. Schließlich kam mit den Rollsohlen (die dann auch von anderen Herstellern plötzlich in den Markt zu sickern begannen) noch etwas: Carbon. Die neuen Schnellen hatten Carbon-Inlays. Irgendwo in der Sohle. Im Vorfuß. Oder in der Mittelsohle. Oder im Fersenbereich. Oder sonstwo.

Carbonbeigaben, hieß es, hätten magische Kräfte: Einerseits verliehen sie Schuhen mehr Steifigkeit und Stabilität, andererseits funktionierten sie (sinngemäß und vereinfacht) wie Sprungfedern. "Reaktivität" lautet eines der Fachvokabel. Das "Doing-Ding" nennt es einer meine Lauffreunde.

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Die Idee hinter dem "Doing-Ding" ist, grob vereinfacht, dass der Läufer (oder die Läuferin) durch die Steifheit des Schuhs geradezu gezwungen wird, über die gewölbte Sohlenform (bei Skiern spricht man von "Rocker"-Konstruktionen) so abzurollen, dass die Energie, die beim Aufsetzen des Fußes in Carbonplatte und Dämpfung gepfeffert wird, beim Abdrücken wieder herauszukatapultieren. Die Carbonplatte funktioniert wie ein Flummi: Je kräftiger der auf den Boden geknallt wird, umso weiter und höher fliegt er.

Idealerweise tritt man beim Laufen ja mit Mittel- oder Vorfuß auf – aber die Rockerkonstruktion "schluckt" und verkraftet auch Fersenauftritte. Und schnalzt auch diese Läufer oder die Läuferinnen mit mehr Energie weg.

"Doing"– aber wie gesagt: Das ist eine grobe Vereinfachung.

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Dass das funktioniert, bezweifle ich nicht. Es klingt ja auch logisch. Außerdem beweisen es Kipchoge & Co. Nur: Gilt das auch für Normalos? Eliud und KollegInnen rennen in einer anderen Welt, in einem anderen Universum.

Und ganz abgesehen davon, dass diese Schuhe teuer sind, halten sie auch nicht ewig. Also: Der Schuh hält eine Zeit – aber tut das auch die Federkraft der Carbon-Inlays? Und vor allem: Bringt dieser Zusatz-Bumms wirklich so viel, dass sich auch für Durchschnittsläuferinnen und -läufer der Umstieg oder die Investition lohnt?

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So stand ich Ende vergangener Woche mit gemischten Gefühlen, aber doch neugierig vor Michael Wernbachers und Werner Lichtenwörthers WeMove in der Landstraßer Mall.

Die beiden hatten gemeinsam mit Adidas zum Testlauf mit der aktuell schnellsten Wunderwaffe aus Herzogenaurach geladen: dem "Adidas Adizero Adios Pro". Der 200-Euro-Schuh wird von Adidas als "unser schnellster Langstreckenschuh aller Zeiten" beschrieben und soll die Marke wieder dorthin bringen, wo Nikes Vaporfly-Geschwader derzeit die Lufthoheit innehat: auf die prestigeträchtigen Siegertreppchen der großen Läufe.

Der Schuh kam im Sommer auf den Markt, aber irgendwie auch nicht: Der "Adios Pro" war zunächst nur über die Adidas-App (und nur in kleinen Kontingenten) verfügbar. Auch jetzt vertreibt ihn nur eine Handvoll Läden – in eingeschränkten Stückzahlen. Es gibt Wartelisten. Auf der Adidas-Homepage steht "ausverkauft". Aber bis Weihnachten, heißt es, sollte es sich ausgehen.

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Dass die Testgruppen klein und handverlesen waren, hatte aber einen anderen Grund: Aufgrund der Corona-Regeln dürfen maximal zehn Personen gleichzeitig mitspielen. Immerhin gingen sich zwei Dämmerungstestrunden aus: Während die erste Gruppe lief, bekam die zweite den Schuh erklärt – dann wurde gewechselt.

Und wer glaubt, dass man über einen Schuh und sein Innenleben nicht locker eine Stunde fachsimpeln kann, dem empfehle ich zuerst einen Blick in einschlägige Magazine – und erst dann einen Besuch bei so einer Veranstaltung: Es ist zwar "nur laufen" – aber das Fachchinesisch, das einem da um die Ohren fliegt, ist gewaltig.

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Nach ungefähr 15 Minuten und Sperrfeuer aus Begriffen wie dem "Teeter-Totter Effekt" und "Energy-Rods", ergänzt durch faszinierende Parameter-Spiele (etwa Kurven, die die "Hutchinson Stride Frequency" in Relation zur "Weyand Stride Length", äh, erklären), ist man reif: Würde der Produktmanager als Nächstes behaupten, dass mit den Ohrläppchen laufen das Ideal sei, alle würden nicken. Und es glauben. Und zwar genau so lange, bis erneut das Gegenteil von alledem, was gerade gesagt wurde, mit "Ist ja logisch, oder?" kommt.

Ich habe mittlerweile akzeptiert, derlei (wahrlich nicht nur bei Laufschuhen) einfach über mich drüberspülen zu lassen – und dann zu schauen, was das Produkt tatsächlich kann.

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Und ganz ehrlich? Der Schuh kann wirklich was. Und wenn man ihn läuft, machen auch "Teeter-Totter" (Wipp-Effekt wäre zu verständlich) oder die "Energy Rods" (statt der durchgängigen Carbonplatte der Mitbewerber sind es bei Adidas separate "Finger") plötzlich Sinn. Nur: Das täten sie auch ohne Schwurbelei.

Denn der Schuh ist schnell. Oder fühlt sich zumindest so an: Dem Vorrollen nach dem Auftreten folgt tatsächlich ein (gefühltes) "Doing". Und dass der Adios Pro ungefähr doppelt so hoch aussieht wie die meisten anderen Schuhe meiner Sammlung, sieht man ja von oben nicht.

Aber wichtiger: Man spürt es auch nicht. Denn trotz seiner Massivität (maximale Sohlendicke: 35 Millimeter) ist er mit 225 Gramm (Schuhgröße 43) ein Leichtgewicht.

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"Kann alles außer langsam" war denn auch das Erste, was mir einfiel, als ich versuchte, mit den anderen LäuferInnen der ersten Gruppe halbwegs Schritt zu halten. Denn die gaben Gas. Nicht um anzugeben, sondern weil sie so laufen: Dass bei solchen Tests (noch dazu bei so einem kleinen Läufer-Sample) nicht die Spazierlauf-, sondern die Performance-Zielgruppe antanzt, ist systemimmanent.

Auf Deutsch: Außer schnell liefen hier auch alle technisch richtig sauber (außer sie wollten schauen, wie der Schuh sich anders anfühlt).

Und das ist wichtig: Natürlich kann man so einen Schuh auch mit der Ferse in den Boden knallen. Oder mit kurzen Schrittlein gemächlich trippeln. Vermutlich macht das Leuten, die nie anders laufen, sogar Spaß – und das sei ihnen unbenommen.

Nur ist das ungefähr so, wie mit einem Formel-1-Boliden für den Großfamilienwochenendeinkauf zum Supermarkt zu fahren: Im Stau steht man trotzdem – und der Kofferraum könnte zu klein sein.

Foto: thomas rottenberg

Denn was der Adios Pro nicht so mag, muss man auch sagen: Kopfsteinpflaster. Groben Schotter. Schräge Wiesen. Enge Kurven. Das ist kein Manko, sondern schlicht und einfach nicht das, wofür solche Schuhe gemacht werden: schnelle, harte, ehrgeizige Straßenläufe nämlich – und zwar über Strecken, die der oder die User auch technisch sauber "kann". So wie man einen Rennwagen fahren können muss, muss man so einen Schuh auch "derrennen", um sein Potenzial auszukosten.

Ich selbst trau mir mit so was einen schnellen Zehner oder auch 15er zu. Eventuell und in Topform sogar einen Halbmarathon, wenn ich eine persönliche Bestzeit anvisiere – schließlich haben Tests (angeblich) ergeben, dass geübte Läuferinnen und Läufer mit dem Schuh (aber so sagen es andere Hersteller über ihre jeweiligen Premium-Carbonschuhe auch) bei gleicher Belastung rund zwei Prozent schneller sind als mit ihren "regulären" Wettkampfschuhen.

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Nur gibt es halt auch das Aber. Um das zu überprüfen, war ich mit dem Adios Pro allerdings nicht lang genug unterwegs – sehr wohl aber mit einem anderen Carbon-Flaggschiff, dem "Cloudboom" von On: Den (so wie auch der Adios) 200 Euro teuren Tempomacher trug ich nicht nur für einen kurzen 20-Minuten-Test, sondern im regulären Training. Einmal bei harten, kurzen Intervallen auf der Bahn (dort sind Carbonkatapulte im Wettkampf mittlerweile meist verboten) und einmal bei einem "Fartlek"-Lauf (ein Tempowechseltraining) über 17 Kilometer.

Im Gegensatz zu Adidas’ im Schuh versteckten "Energy Rods" setzen die Schweizer auf ein durchgehendes, gut sichtbares "Speedboard", der Effekt ist aber der gleiche: das "Doing-Ding". Der Flummi-Effekt. Das Gefühl, schneller vom Boden wegzukommen. Geil, keine Frage.

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Allerdings eben nur so lange, bis der Fuß müde wird. Bis man technisch nicht mehr so sauber läuft. Bis der Fuß sich einen Schuh wünscht, der ihn ein bisserl streichelt, verwöhnt und Fehler nicht nur verzeiht, sondern auch kaschiert. Und das funktioniert mit Carbonsprungfedern eben nicht wirklich.

Ob ich Carbonschuhe also empfehle?

Sagen wir so: Die Dinger können schon was. Wenn man mit ihnen umgehen kann. Aber Spitzen- und wettkampforientierte Läuferinnen und -läufer wissen auch ohne meine Ratschläge, mit welchem Material sie gut unterwegs sind. Und für alle anderen gilt: Wenn jemand bereit ist, viel Geld für einen Effekt auszugeben, der sich bei Durchschnittstypen eher psychologisch niederschlägt, spricht wenig gegen Spaß mit dem" Doing".

Aber was wirklich zählt: Weiß ist eben das neue Schwarz.

(Thomas Rottenberg, 14.10.2020)

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die erwähnten Schuhe wurden für die Tests von den Herstellern zur Verfügung gestellt.

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