Die Entscheidung der EU-Kommission ist ein herber Rückschlag für die Bemühungen um Nachhaltigkeit, sagt Klaus Gabriel vom Corporate Responsibility Interface Center im Gastkommentar. Lesen Sie dazu auch die Gastkommentare von Physiker Florian Aigner und WWF-Experte Jakob Mayr.

Brauchen wir Kernenergie – im Bild die Schlote des Atomkraftwerks Temelín – im Kampf gegen die Klimakrise?
Foto: Reuters / David W. Cerny

Die Entscheidung der EU-Kommission, die Erzeugung von Strom aus Kernenergie und Gas in die Taxonomie nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten aufzunehmen, kommt nicht überraschend. Schon im Vorfeld gab es heftige Diskussionen, vor allem Umwelt-NGOs und Teile der Scientific Community drohten mit dem Ausstieg aus den Gesprächen oder haben diese unter Protest bereits abgebrochen. Die Mehrheit der Staaten in der EU unterstützt diese Regelung. Man könnte sagen: So funktioniert Demokratie eben. Demokratie ist Politik auf der Basis von Mehrheiten.

Aus leidvoller historischer Erfahrung wissen wir aber auch, dass die Mehrheit nicht immer recht hat – und in diesem Fall wird das einmal mehr deutlich. Das Ziel des EU-Aktionsplans zur Förderung nachhaltigen Wachstums ist es, insbesondere privates Kapital in die Finanzierung nachhaltiger Wirtschaftsweisen umzulenken und somit die Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit zu transformieren. Die Taxonomie nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten soll dabei definieren, welche Wirtschaftsweisen als nachhaltig eingestuft werden und wohin künftig das Kapital privater und institutioneller Investierender fließen soll.

Eine Finanzierungsempfehlung

Wohlgemerkt: Es geht noch nicht einmal um ein Verbot der Finanzierung von Atomkraft- und Gaskraftwerken, sondern lediglich um eine Empfehlung, wohin Kapital vorzugsweise fließen soll. Die Aufnahme von Kernkraft und Gas in die Liste nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten bedeutet aber, dass für erneuerbare Energieerzeugung nun weniger Kapital zur Verfügung stehen wird. Was noch schwerer wiegt: Damit wird einmal mehr das Auslöffeln der Suppe auf die kommenden Generationen übertragen. Beherztes Gestalten im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung schaut anders aus.

Einmal mehr zeigt sich auch, dass eine Engführung der Diskussion um Nachhaltigkeit auf gerade aktuelle Themen wie den Klimawandel zu kurz greift und zu Missverständnissen führt. Denn unter CO2-Gesichtspunkten mögen Kernkraft- und Gaskraftwerke zwar als Brückentechnologien hin zu nachhaltigen Formen der Energieerzeugung durchgehen, unter umfassender Nachhaltigkeitsbetrachtung sind diese Technologien aber eher Teil des Problems als der Lösung.

Herber Rückschlag

Die Entscheidung der EU-Kommission ist ein herber Rückschlag für die Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung, weil damit signalisiert wird, dass man es doch nicht ganz so ernst nimmt mit dem Transformationsprozess. Unternehmen stehen einmal mehr vor dem Problem der Planungsunsicherheit: Sind diejenigen, die sich jetzt für nachhaltige Energieerzeugung oder überhaupt für nachhaltiges Wirtschaften einsetzen, am Ende die Dummen?

Für private und institutionelle Investierende ändert sich nicht allzu viel. Bereits bisher haben engagierte Investierende eigene Standards formuliert, die über dem gesetzlich Erforderlichen lagen. Das werden sie auch weiterhin machen. Aber die Transformationsdynamik wird durch die aktuelle Entwicklung gebremst und damit kostbare Zeit verspielt – Zeit, die wir vielleicht noch haben, aber künftigen Generation abgeht. (Klaus Gabriel, 9.1.2022)