Tausende schockierte Russinnen und Russen protestierten am 25. Februar gegen die Invasion in der Ukraine, hier im Bild eine Demonstration in St. Petersburg. Bei den Protesten in 54 russischen Städten wurden mehr als 1700 Menschen festgenommen.

Foto: AP/Dimitri Lovetsky

In einem offenen Brief wandten sich tausende russische Forschende gegen den Krieg in der Ukraine. So unterschiedlich ihre Disziplinen sein mögen, so geeint sind sie in ihrer Haltung. Einige von ihnen haben ihre Gedanken mit dem STANDARD geteilt. Sie erzählen, wie sie die Situation erleben und welche Konsequenzen sie für ihre Forschung und die Zusammenarbeit mit ausländischen Wissenschafterinnen und Wissenschafter befürchten.


Elizaweta Bonch-Osmolowskaja

Mikrobiologin

Was passiert ist, war wirklich eine Katastrophe, natürlich in erster Linie für die Ukraine, aber auch für Russland, da es uns aus dem Kreis der zivilisierten Länder geworfen hat. Ich hätte nie gedacht, dass es zu einem wirklichen Krieg mit der Ukraine kommen würde – wie viele Menschen war ich mir sicher, dass die Truppen an der Grenze nur zusammengezogen wurden, um den Westen zu beeindrucken. Im Vergleich dazu ist meine wissenschaftliche Arbeit, obwohl ich sie sehr liebe, von untergeordneter Bedeutung.

Wir haben viele Verbindungen zu Wissenschaftern in anderen Ländern, aber trotz unserer sehr herzlichen persönlichen Beziehungen ist keine Zusammenarbeit mehr möglich. Unsere Arbeit wird auch unter dem fehlenden Zugang zu Reagenzien und Geräten leiden, die wir in anderen Ländern kaufen. Heutzutage ist die Mikrobiologie ohne genomische und metagenomische Analysen nicht möglich, und die notwendigen Reagenzien werden in Europa und den USA hergestellt, sodass unsere Arbeit sehr bald aufhören wird.

Dennoch möchte ich wiederholen, dass dieser Umstand im Vergleich zu dem von meinem Land begonnenen Krieg nicht wichtig ist. Als der Krieg angekündigt wurde, war ich zutiefst erschüttert und wollte etwas tun. Als erste Möglichkeit bot sich die Unterzeichnung des Wissenschafterbriefes. Ich bin nicht sicher, ob unser Brief helfen wird. Aber zumindest konnten wir ein Zeichen setzen und damit die Welt – und insbesondere die Menschen in der Ukraine – erfahren lassen, dass es Russen gibt, die Krieg nicht gutheißen.

Es gibt viele solcher Briefe aus verschiedenen Berufsgruppen, daher denke ich nicht, dass meine Unterschrift unter dem offenen Brief negative Konsequenzen für mich hat oder gefährlich für mich werden kann. Aber selbst wenn es so sein sollte, bereue ich nicht, dass ich ihn unterzeichnet habe.

Ich persönlich habe keine Arbeitsbeziehungen zu ukrainischen Wissenschaftern, also habe ich niemanden, mit dem ich mich vor Ort in Verbindung setzen kann. Freunde, die in anderen Forschungsbereichen arbeiten, versuchten vor Kriegsbeginn, ein gemeinsames Seminar mit Kollegen aus der Ukraine zu organisieren, was jedoch abgelehnt wurde. Und es ist verständlich – die Ukrainer werden uns das niemals verzeihen.


Michail Gelfand

Bioinformatiker

Ich befinde mich derzeit in Moskau und versuche, meiner Arbeit so gut es geht nachzukommen. Allerdings fällt es mir angesichts der Situation nicht leicht, mich zu konzentrieren. Viele meiner Studierenden haben sich den Protesten und Demonstrationen gegen den Krieg angeschlossen, einer meiner Kollegen, der ebenfalls auf der Straße war, musste schon eine Nacht in Polizeigewahrsam verbringen.

Michail Gelfand lehrt und forscht am Skolkowo-Institut für Wissenschaft und Technologie in Moskau.
Foto: Grace

Den offenen Brief habe ich unterzeichnet, um zu zeigen, dass Wissenschafter und Regierung nicht dasselbe sind. Auch wollte ich jenen, die sich einsam und in einer feindseligen Umgebung fühlen, ein Gefühl der Gemeinschaft vermitteln. Eine wichtige Motivation war darüber hinaus, unseren westlichen und insbesondere ukrainischen Kollegen zu zeigen, dass es in Russland viele Wissenschafter gibt, die gegen den Krieg sind und sich nicht scheuen, das zu sagen.

Ich habe nicht mit einer Invasion in die Ukraine gerechnet und fürchte, dass sich aus den Sanktionen auch Einschnitte für die Forschung ergeben werden. Gemeinsame Projekte mit experimentellen Biologen werden ins Stocken geraten, da es kurzfristig keine der nötigen Materialien und langfristig auch keine der notwendigen Geräte geben wird. Ich hoffe, dass theoretische Arbeiten zur molekularen Evolution und zur vergleichenden Genomik fortgesetzt werden können, wenn nichts Drastisches mit dem Internetzugang passiert.

Mehrere wissenschaftliche Gesellschaften, Ministerien, Universitäten und Fachzeitschriften haben den vollständigen Abbruch aller Kontakte zu russischen Wissenschaftern angekündigt. Ich finde das unfair und kurzsichtig. Man sollte zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Regierung unterscheiden. Wissenschafter waren die Ersten, die einen offenen Brief unterzeichneten, in dem sie die sofortige Beendigung des Krieges und den Abzug der russischen Truppen forderten.

Andere Gemeinschaften und Berufsgruppen wie Ärzte, Lehrer, Journalisten und Künstler folgten. Daher würden die vorgeschlagenen Maßnahmen genau diejenigen bestrafen, die versucht haben – zumindest mit einem gewissen Risiko für ihre Karriere –, den Krieg zu beenden. Das ist nicht fair. Zweitens würden diese Maßnahmen das repressive Regime nur stärken – das ist kurzsichtig.

Ich verstehe die Ressentiments und Sicherheitsbedenken, aber statt pauschaler Maßnahmen sollte jede Zusammenarbeit oder Person einzeln betrachtet werden. Ich denke, wahre Wissenschafter sollten sich für ihre Kolleginnen und Kollegen einsetzen.


Jelena Glawatskaja

Historikerin

Unsere Gedanken sind bei den Menschen, die jetzt mitten im Krieg sind, Ukrainer oder Russen, egal wo sie leben, woher sie kommen, es spielt keine Rolle. Menschen leiden, und wir spüren ihre Angst, ihre Verzweiflung und ihren Schmerz. Jede Zelle meines Herzens blutet. Einige von uns ärgern sich auch darüber, dass jemand für uns spricht, weil wir wissen, dass wir anderer Meinung sind.

Ich persönlich konnte nicht glauben, dass Russland militärische Aktionen starten würde, welche Gründe auch immer dahinterstehen. Ich lag schrecklich falsch. Ich war am Boden zerstört, und es dauerte, bis ich wieder die Möglichkeit hatte, Gedanken in Worte zu fassen.

Wir möchten, dass die militärischen Aktionen auf dem gesamten Gebiet der Ukraine, sowohl im Osten als auch im Westen, eingestellt werden. Es muss zu Verhandlungen zwischen den Entscheidungsträgern kommen. Damit meine ich die USA und Russland.

Ich weine, ich versuche zu funktionieren, aber immer wieder holen mich die Gedanken an diese Katastrophe ein. Das Leben ist zerstört, Pläne, Hoffnungen wurden zunichtegemacht – für zwei Länder, für zwei große Staaten und ebenso für den Rest der Welt. Wir leben alle in einem Schockzustand – ich, meine Freunde und Kollegen, meine Familienmitglieder.

Wir sprechen miteinander, wir weinen miteinander. Viele Menschen nehmen Beruhigungsmittel. Mit meinen Kolleginnen tausche ich mich aus, aber nichts kann uns wirklich helfen. Heute habe ich an alle meine Kollegen und Kolleginnen geschrieben, um meine Betroffenheit und meine Meinung klar zum Ausdruck zu bringen und um verstanden zu werden. Ich möchte damit auch unseren ausländischen Kollegen zeigen, dass wir das Ausmaß dieser Katastrophe sehen.

Was aus meiner Sicht als Historikerin jetzt wichtig ist, ist nicht die Suche nach Schuldigen. Es gibt nicht einen einzigen Schuldigen, der für diese Lage verantwortlich ist, wir müssen versuchen, die Situation zu verstehen, um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Wir müssen miteinander reden anstatt uns als Menschen voneinander zu entfernen. Denn Gewalt kann auch in der Sprache liegen, wir können uns auch mit Worten verletzen. Aber wir müssen nach Kompromissen suchen und Respekt füreinander aufbringen.

Wir wollen, dass die Militäraktionen in der ganzen Ukraine beendet werden und Verhandlungen beginnen. Als Historikerin und Anthropologin weiß ich, dass Frieden unumgänglich ist. Als Frau, Mutter und Großmutter kann ich nur hoffen.


Jelena Beresowitsch

Sprachwissenschafterin

Momentan ist es für uns sehr schwierig, normal zu arbeiten. Wir befinden uns in einer schrecklichen Schockstarre. Alle um uns herum spüren den völligen Zusammenbruch ihres Lebens und das Fehlen einer Zukunft für sie selbst und für ihre Kinder, wenn diese furchtbare Situation nicht sofort ein Ende nimmt. Für mich wie auch für viele meiner Freunde und Kollegen in Russland ist das Geschehen auch eine persönliche Tragödie: Mein Vater kommt aus der Ukraine, ich habe dort Verwandte, Freunde, Kollegen, Studenten.

Natürlich wirken sich die Sanktionen auf unsere wissenschaftliche Arbeit aus. Meine berufliche Tätigkeit steht in direktem Zusammenhang sowohl mit der russischen Sprache als auch mit anderen slawischen Sprachen, einschließlich des Ukrainischen. Die moderne Slawistik existierte als internationaler Bereich. Slawistische Kongresse werden abwechselnd in jedem slawischen Land abgehalten.

Auf Konferenzen in verschiedenen Ländern wird sehr oft in der Sprache des Landes vorgetragen, aus dem der Redner stammt, jeder behandelt dies mit großem Respekt. Die Zusammenarbeit spielt eine große Rolle: gemeinsame Projekte, Expeditionen, Literaturaustausch, persönliche Freundschaft. Es wird schlimm, wenn die russische Wissenschaft isoliert wird.

Die Erbinnen des Schriftstellers Leo Tolstoi: Swetlana Tolstaja, die bekannteste Slawistin Russlands und ihre Töchter wenden sich in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit und gegen den Krieg.
Foto: Sreenshot/Facebook

Ich möchte mich in voller Solidarität der Position der wunderbaren Familie Tolstoi anschließen. Swetlana Tolstaja ist eine fantastische Wissenschafterin, eine der berühmtesten Slawistinnen der Welt, die den offenen Brief gegen den Krieg ebenfalls unterzeichnet hat. Mit ihren Töchtern hat sie sich in einem Video an die Öffentlichkeit gewandt, wofür ich dankbar bin. Es sind enge Freundinnen und geschätzte Kolleginnen, deren Worte hoffentlich viel bewegen, da sie in Russland sehr bekannte Persönlichkeiten sind.

Auszug aus der Videobotschaft:

Die Menschen in der Ukraine sind für uns unsere Verwandten. Genauso wie die russische Bevölkerung. Die Gegebenheiten der letzten Tage sind schmerzhaft. Unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine.

Was auf ukrainischem Boden stattfindet, ist Irrsinn, eine riesige Tragödie. Fast ein halbes Jahrhundert habe ich slawische Sprachen und Kultur unterrichtet, wir sind oft in die Ukraine gefahren, haben Menschen getroffen, ihre Geschichten aufgezeichnet.

Sie haben sehr unter der Tschernobyl-Katastrophe gelitten und jetzt herrscht schon wieder Krieg. Damit kann man sich nicht anfreunden. Das muss aufhören, das Leben muss wieder zurück zur Normalität und Menschlichkeit finden. Wir hoffen sehr darauf.


Wiktor Wassiljew

Mathematiker

Ich habe nicht gedacht, dass es tatsächlich zu einer Invasion in die Ukraine kommen wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür erschien mir gering. Vielmehr habe ich gehofft, dass es sich bei den Drohungen um einen Bluff handelt. Derzeit befinde ich mich in Moskau, wo ich auch unterrichte und im Normalfall über mathematische Probleme nachdenke.

Aus der Invasion werden sich bestimmt auch Einschränkungen für die wissenschaftliche Gemeinschaft und Arbeit ergeben. Natürlich werden sowohl die Sanktionen als auch der Reputationsverlust und die Unwilligkeit, mit uns zu verhandeln, die internationale Zusammenarbeit stark erschweren – das erscheint mir nach dem, was passiert ist, kaum abwendbar. In meinem Fachgebiet, der theoretischen Mathematik, werden die Auswirkungen von Sanktionen wahrscheinlich schwächer ausfallen als in Bereichen, die stark von Ausrüstung und Reagenzien abhängig sind. Diese Forschung könnte in manchen Bereichen vollständig zum Erliegen kommen. Einschnitte könnten aber auch in meinem Fachbereich sehr signifikant sein, etwa wenn man den Effekt der Auswanderung bedenkt.

Den offenen Brief russischer Wissenschafterinnen und Wissenschafter habe ich aus mehreren Gründen unterschrieben. Erstens muss, wie Andersen uns lehrt, das Wort der Wahrheit offen ausgesprochen werden, damit es zu gewinnen beginnt. Derzeit sehen wir eine Dominanz von Drohungen und Lügen, die sich nicht durchsetzen dürfen. Zweitens wird sich irgendwann der Dunst der Bedrohung auflösen, und es braucht einige Ansatzpunkte, um das gegenseitige Vertrauen wiederherzustellen. Und die dritte wichtige Motivation ist persönlicher psychologischer Natur. Ich möchte am Ende meines Lebens nicht erkennen, dass ich in einem wichtigen Moment zu wenig getan habe, um die Situation zu retten.

Allerdings muss ich sagen, dass wir immer noch zu wenig tun. Vielleicht kann man sich in der aktuellen Situation nur noch im Gefängnis als frei von einer solchen Anschuldigung betrachten. Aber zumindest ein wenig mehr Karma ist auch eine Erleichterung.

Ob ich durch meine Unterschrift im offenen Brief Konsequenzen zu befürchten habe? Was diese Gefahr betrifft, sehe ich mich mit einem gewissen Element des russischen Roulettes konfrontiert. Putin und auch sein Gefolge haben in letzter Zeit immer weniger ein Geheimnis aus ihrer Anbetung Stalins und seiner Methoden gemacht. Wer weiß, wie weit sie auf diesem Weg noch gehen können und gehen werden, besonders in einer Situation der politischen Niederlage. (Marlene Erhart, 4.3.22)