Wien – Im Krieg Russlands gegen die Ukraine erhält Getreide immer größeres militärisches Gewicht. Millionen Tonnen an Weizen stecken in der Kornkammer Europas fest. Es geht um Rohstoffe, die hunderte Millionen Menschen vor allem in Schwellenländern dringend benötigen. Den Vereinten Nationen zufolge erreicht der weltweite Hunger heuer einen neuen Höchststand: Innerhalb von nur zwei Jahren verdoppelte sich die Zahl der akut hungerleidenden Menschen auf rund 276 Millionen. Mehr als eine Million Menschen ist vom Hungertod bedroht – fünfmal mehr als 2016.

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Die Schwarzmeerregion spielt für ihr Überleben eine Schlüsselrolle. Die Ukraine versorgt weltweit mehr als 400 Millionen Menschen mit Getreide, die eigene Bevölkerung nicht eingerechnet. Sie ist der fünftgrößte Weizenexporteur der Welt, bei Gerste die Nummer drei. Ihre Böden eignen sich gut für Landwirtschaft, und in Relation zur Zahl ihrer Einwohner ist das Potenzial an Agrarflächen riesig.

Getreide entwickelt sich immer mehr zu einem Gut für taktische Kriegsführungen. Millionen Menschen droht der Hunger.
Foto: REUTERS/Stephane Mahe

Vor allem Schwellenländer im Nahen Osten und in Afrika sind auf Importe aus der Kornkammer Europas angewiesen. Jeder zweite bis dritte Laib Brot in ihrer Region wird aus ukrainischem Getreide gebacken. Ihre eigene Landwirtschaft ist vielerorts nicht produktiv genug, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Und der Klimawandel verschärft die Misere ihrer Bauern. In Afrika schrillen die Alarmglocken: Die Angst ist groß, in der Versorgung von Russland abhängig zu werden.

Erinnerung an Arabischen Frühling

Allmählich kommen Erinnerungen an den Arabischen Frühling hoch, damals – ab Ende 2010 – sorgten ebenso steigende Lebensmittelkosten für schwere Unruhen. In Ägypten und Tunesien wurden die politischen Machthaber gestürzt. In anderen Staaten wie Libyen und Syrien entbrannten Bürgerkriege, die teilweise immer noch andauern. "Die Ironie dieses Krieges ist, dass alle eine Krise in Russland erwarteten", sagt Beata Javorcic von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung mit Blick auf den Ukraine-Krieg. "Dabei sind es tatsächlich gerade die nordafrikanischen Länder, die wegen der hohen Lebensmittelpreise näher an einer Notlage sind."

Kein Ende der Preishausse

Mehr als 400 Euro sind für eine Tonne Weizen auf dem Weltmarkt mittlerweile zu zahlen. Dieser Preis ist für viele Länder, die ohnehin in der Armutsspirale gefangen sind, fast unbezahlbar. Explodierende Kosten für Sprit, Dünger, Pflanzenschutz und Tierfutter bringen sie zusätzlich in die Bredouille. Ein Ende der Preisrally ist, solange sich die Krise in der Schwarzmeerregion nicht entschärft, unabsehbar.

In Kenia gehen Menschen bereits auf die Straße, um für niedrigere Lebensmittelpreise zu demonstrieren.
Foto: APA/AFP/TONY KARUMBA

Weltweit sind Lagerbestände bei Getreide, Eiweiß- und Ölsaaten auf einem Langzeitiefstand. Indien als wichtiges Anbauland erteilte nach einer Dürre ein Exportverbot, was die Nerven der internationalen Rohstoffhändler zusätzlich flattern lässt. Agrarexperten sehen die 400 Euro pro Tonne daher mittelfristig nur als preisliche Untergrenze.

Schwere Ernteeinbußen

Die Ukraine rechnet heuer mit maximal zwei Dritteln ihrer üblichen Getreideernte. Bei Mais zeichnen sich Einbußen von 31 Prozent ab, bei Sonnenblumenöl Verluste von 28 Prozent. Auch die Viehwirtschaft leidet. Schweineherden wurden um 20 Prozent, jene der Rinder und Hühner um 15 Prozent dezimiert.

Ob die Ukraine Getreide überhaupt verkaufen kann, ist ungewiss. Uno-Generalsekretär António Guterres erhöhte vergangene Woche einmal mehr den Druck auf Russland: Präsident Wladmir Putin müsse den sicheren Export von Weizen zulassen, der in ukrainischen Häfen gelagert ist. Derzeit blockiert Russland die Ausfuhr von rund 20 Millionen Tonnen. Die Silos sind voll. Das Gros des bereits geernteten Getreides liegt im Hafen von Odessa. Die See davor ist vermint. Zehn von 13 ukrainischen Häfen stehen aktuell still, einzig an jenen, die an der Donau liegen, gibt es Warenumschlag. Deren Kapazität reicht an jene der Seehäfen jedoch bei weitem nicht heran.

Ägypten importiert jährlich mehr als drei Millionen Tonnen Weizen aus der Ukraine. Die Lage ist für viele Staaten in Afrika und im Nahen Osten bereits sehr brenzlich. Auch Erinnerungen an den Arabischen Frühling kommen hoch.
Foto: AP Photo/Nariman El-Mofty

Putin stellt Bedingungen

Putin knüpft die mögliche Öffnung der Häfen, über die in Friedenszeiten 98 Prozent aller Lebensmittelexporte abgewickelt wurden, an eine teilweise Aufhebung der westlichen Sanktionen gegen Moskau.

An der Grenze zu Rumänien warten unzählige vollbeladene Lkws darauf, das Land zu verlassen. Außerdem gibt es zehn alternative Routen für die Ausfuhr von Getreide über die Bahn. Doch es fehlen nicht nur dafür geeigneten Wagons. Als einstiges Mitglied der Sowjetunion hat die Ukraine ein etwas breiteres Gleissystem als Europa. Die Wagons müssen daher entweder mühsam umgehoben und das Fahrgestell angepasst werden – oder die Fracht wird an der Grenze in andere Züge umgeladen. Die EU hat finanzielle Hilfe für den Export angekündigt, diese ist auch bitter nötig.

Getreide als Diebsgut

Zudem mehren sich die Berichte, dass Russen in den besetzten Gebieten rund um Cherson und Saporischschja massenhaft ukrainisches Getreide stehlen und zu hohen Rabatten auf dem Weltmarkt verkaufen. Das Außenministerium in Kiew schätzt seinen Wert auf 100 Millionen Dollar und warnt potenzielle Abnehmer davor, sich zu russischen Komplizen zu machen.

Österreichs Abhängigkeit von der Ukraine als Exporteur bei Getreide ist überschaubar. 2021 wurden der Statistik Austria zufolge lediglich 735 Tonnen importiert, Weizen wurde in diesem Jahr überhaupt nicht eingeführt. Zum Vergleich: Heuer besteht bei Getreide ein Importbedarf von 1,288.000 Tonnen. 745.000 Tonnen davon dienen der menschlichen Ernährung. Der Rest geht in die Tierfütterung, wird industriell verarbeitet oder zu Biosprit.

Ihre Spuren hinterlässt die Krise jedoch bei den Preisen. Einer Erhebung der Arbeiterkammer zufolge kostete ein Kilo Weizenmehl der unteren Preisklasse im Juni 2021 im Schnitt 41 Cent, mittlerweile sind es 67 Cent.

Fleischbranche in der Bredouille

Österreich versorgt sich zu fast 90 Prozent selbst mit Getreide. Ein zweiter Vergleich: Bei Trinkmilch liegt der Selbstversorgungsgrad bei 170, bei Schweinefleisch bei 102 Prozent. Die Marktverwerfungen infolge der Pandemie, die durch den Krieg verschärft wurden, schlagen aufgrund der hohen Großhandelspreise aber auch hier durch. Sichtbar werden sie in der Schweine- und Geflügelindustrie. Denn für ein Kilo Fleisch braucht es zwischen drei und fünf Kilo Getreide als Futter. Für viele Betriebe lohnt sich die Mast nicht mehr. Quer durch Europa steigen Schweine- wie Geflügelhalter aus der Produktion aus.

Getreide wird in Österreich auch künftig nicht knapp. Der Fleischkonsum dürfte aber sinken, wie auch der Anteil an Lebensmitteln, der unverdorben im Müll landet – Landwirtschaft, Industrie, Handel, Gastronomen und Konsumenten entsorgen jährlich Millionen Tonnen davon. (Verena Kainrath, Andreas Danzer, 22.5.2022)