Fünf Wochen Tiktok-Tagebuch.

Foto: AP/Kiichiro Sato

Es sollte ein unverfängliches Online-Unterhaltungsformat werden. Mit unserem "Tiktok-Tagebuch" wollten wir täglich einen neuen Aspekt rund um die vor allem bei Jugendlichen beliebte App herausgreifen. Schräge Videos, Sketche und Tänze – was tut sich bei Tiktok? Nach genau fünf Wochen können wir ein Fazit aus dieser Beobachtung ziehen. Und es ist das Gegenteil von dem, was wir uns erwartet hatten.

Brennende Toiletten

Ja, natürlich gibt es auch die netten Inhalte – die besagten Tanzvideos, die Witze. Und auch immer mehr Prominente und Institutionen drängen auf die Plattform. So versucht sich etwa die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner dort mit kurzen Clips, die Stadt Wien ist dort ebenso vertreten wie das Land Kärnten. Popstars wie Camila Cabello streamen auf Tiktok live ihre Konzerte. Und Neil deGrasse Tyson erklärt wissenschaftliche Themen in kurzen Clips so, dass es Spaß macht.

Auf der anderen Seite stießen wir im Rahmen der vergangenen Wochen auf Trends, die als bedenklich einzustufen sind – wie etwa die "Klopapier-Challenge", bei der Jugendliche deutschlandweit Toiletten in ihren Schulen anzündeten. In anderen Fällen sahen wir Videos von Männern, die sich offen über Femizide lustig machten.

Bilder aus dem Krieg

Auch der Krieg geht an Tiktok nicht spurlos vorbei. So teilen Jugendliche und Soldaten ihre Erfahrungen direkt aus dem Geschehen – und teils sieht man dabei mehr, als einem lieb ist: Beim Durchscrollen meiner Timeline sah ich Soldaten inmitten eines Straßenkampfs, ein anderes Mal wurde mir aus der Ich-Perspektive gezeigt, wie jemand in einem Wohnhaus andere Menschen erschießt.

Ob ich diese Clips sehe, kann ich nicht selbst entscheiden, das bestimmt der Algorithmus. Was, gibt es bei Tiktok etwa keine Moderation? Doch, schon: Begriffe wie "queer" und "homosexuell" werden auch in Österreich zensiert, ebenso werden Kommentare über die Tennisspielerin Peng Shuai in der chinesischen App blockiert. Letzten Endes nur ein weiteres Puzzlestück, das zeigt: Diese App ist keine Lachnummer – sondern verdient ein gehöriges Maß an Skepsis. (Stefan Mey, 29.3.2022)